Anathema – Erlebbare Emotionen

Anathema – Erlebbare Emotionen

Es scheint,  Anathema erleben gerade ihren zweiten Frühling. „Distant Satellites“ ist bereits der dritte Longplayer der britischen Melancholic-Rocker seit 2010 und lässt qualitativ keinen Abfall gegenüber den zahlreichen Klassikern aus der Vergangenheit erkennen. Wir schnappten uns Gitarrist und Sänger Vincent Cavanagh, um über das Album zu sprechen.

Im Vorfeld wurde „Distant Satellites“ als eine Zusammenfassung aller Schaffensperioden der Band angepriesen. Hört man sich das Album aufmerksam an, klingt es jedoch eher wie eine Fortführung von „We’re Here Because We’re Here“ (2010) und „Weather Systems“ (2012), denn Reminiszenzen an die Gothic/Doom-Metal-Werke aus den frühen 90ern bleiben erwartungsgemäß aus. Stattdessen gibt es emotionale, intensive und überaus atmosphärische Musik irgendwo zwischen Rock, Prog und Alternative, die letzten Endes doch in keine Schublade passt. „Ja, es ist definitiv eine Evolution der beiden Vorgänger“, stimmt Vincent im telefonischen Interview zu. „Wer auch immer diese Presseerklärung geschrieben hat, ich denke, sie sollte aussagen, dass das Album extrem abwechslungsreich ist. Es gibt viele typische Anathema-Sounds, aber auch neue Einflüsse, z. B. die elektronischen Elemente in ‚Distant Satellites’ oder ‚Take Shelter’, die es bei uns so massiv in der Vergangenheit noch nicht gab.“ In der Tat, die genannten Stücke verarbeiten nicht nur elektronische Einflüsse, sie basieren sogar auf derlei Elementen. Vincent outet sich auf Nachfrage als großer Liebhaber elektronischer Klänge. Seit er im Alter von 17 Jahren Aphex Twin entdeckte, war es um ihn geschehen. Seitdem schätzt er vor allem anspruchsvolle Electronica-Sounds von Formationen wie The Future Sound Of London, Squarepusher, Autechre, Boards Of Canada und andere Veröffentlichungen des Warp-Labels. „Ich mag Bands, die verschiedene Genres kombinieren und elektronische Musik mit ungewöhnlichen Instrumenten erzeugen“, ergänzt er. „Allerdings wollen wir selbst keine abstrakte Musik machen. Das Wichtigste sind eine gute Melodie und Hookline sowie der Text und die Bedeutung eines Songs. Um dies umzusetzen, sind Gitarren letzten Endes doch besser geeignet als Synthesizer.“

Detailverliebte Familie

Trotz erneut sehr eingängiger, tiefgehender Songs, die ruhige Passagen ebenso beinhalten wie dramatische Soundwände, klingt „Distant Satellites“ etwas experimentierfreudiger als die letzten Scheiben. Dem Zufall überließen Anathema bei der Kreation des Albums jedoch nichts. „Wir planen jedes Details im Vorfeld durch“, verrät Vincent. „Die Songs diktieren die Art der Produktion selbst. Diesem Weg müssen wir dann nur noch folgen. Aber wir behandeln jeden Song ganz individuell.“ So habe beispielsweise der Titeltrack viele Entwicklungsstufen durchlaufen, eh sich die finale Version herauskristallisierte. Produziert wurde das Album wie schon der Vorgänger von dem Norweger Christer-André Cederberg (ex-In-The-Woods…). „Er ist ein Teil der Familie und wir vertrauen ihm sehr“, sagt Vincent. „Für uns ist er wie ein doppelter Boden; wir wissen, dass wir bei ihm immer in guten Händen sind. Mit ihm nehme ich meinen Gesang lieber auf als mit jedem anderen Produzenten, da er mein Spektrum ganz genau kennt und weiß, was ich will. Er versucht nicht, einer Band seinen Stempel aufzudrücken, sondern probiert einfach, das Beste aus uns herauszuholen.“ In der Vergangenheit hat Vincent seinen Gesang des Öfteren alleine aufgenommen, doch er schätzt ein objektives Ohr von außen, zumal er sich dann rein aufs Singen konzentrieren kann und nicht ständig zwischen der Rolle des Sängers und des Produzenten wechseln muss. „Wir könnten ein Album durchaus ohne die Hilfe eines Produzenten aufnehmen, aber der Druck ist mir einfach zu groß“, begründet er. Gegen Ende der Produktion stieß auch Steven Wilson (u. a. Porcupine Tree) zum Produktionsteam und mischte die beiden Songs „You’re Not Alone“ und „Take Shelter“, weil Christer eine Rückenoperation hatte und die Mixe nicht mehr fertig stellen konnte. „Steven war der Erste, den wir in dieser Situation anriefen, und als er verfügbar war, wussten wir, dass wir uns entspannt zurücklehnen können. Er hat das Album gerettet.“

Menschliche Trabanten

Das Artwork lässt vermuten, dass Anathema sich thematisch in die Weiten des Kosmos hinauswagen. Doch mitnichten! Der Albumtitel „Distant Satellites“ habe nichts mit Erdtrabanten zu tun, die uns umkreisen, sondern sei ein poetisches Bild, klärt Vincent auf. „Es geht um Menschen. Wir selbst sind die fernen Satelliten! Jeder folgt seinem eigenen Pfad, seiner eigenen Umlaufbahn, auch wenn diese noch so eigenartig sein mag. Aber manchmal kreuzen sich die Bahnen der Menschen. Wir sprechen vor allem von jeden besonderen Menschen, bei denen man bei jedem Treffen das Gefühl hat, dass überhaupt keine Zeit vergangen sei, die einem aber dennoch irgendwie fern sind, und sei es nur aufgrund geografischer Distanzen. Ich lebe z. B. in Paris und sehe viele meiner Freunde nicht so oft, wie ich gerne würde. Aber es kann auch ein emotionaler Abstand sein, weil man sich selbst ganz weit draußen bewegt.“ Auch das Thema Liebe scheint ein zentrales Thema zu sein. Anathema schrecken auch vor den Worten „I love you“ nicht zurück. „Ja, auf die eine oder andere Art ist das ein Thema, aber wenn Danny (Cavanagh, Gitarrist der Band und Bruder von Vincent, der die Texte geschrieben hat – Anm. d. A.) von Liebe redet, meint er nicht die typische Liebe, da er selbst keine Beziehung hat.“ Stattdessen geht es um eine universelle Form von Liebe. Einen interessanten Hintergrund hat „The Lost Song“, den es in drei Teilen auf dem Album gibt. Danny hat diese drei Songs komponiert, als er versuchte, sich an ein Riff zu erinnern, der ihm verloren gegangen war. So lag der Titel nahe. „Es sind eigentlich drei eigenständige Songs“, berichtet Vincent. „Was sie verbindet, ist ihre Entstehungsgeschichte. Das Lustige ist, dass die Songs nun viel besser sind als die ursprüngliche Idee.“ Weshalb? Lachend merkt Vincent an: „Wenn man etwas vergisst, kann es doch nicht so gut gewesen sein.“

Wir sind uns sicher, die Songs auf „Distant Satellites“ werden Anathema so schnell nicht wieder vergessen!

Sascha Blach

www.anathema.ws

27 Juni 2014

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