Scream Silence – Selbst ist die Band!

Scream Silence – Selbst ist die Band!

In den drei Jahren seit dem letzten selbstbetitelten Longplayer hat sich viel getan bei Scream Silence. Die Berliner Dark-Rock-Formation ist nicht nur studiotechnisch umgezogen, auch nahm sie ihr Schicksal in die eigene Hand, denn man verließ das Label Out Of Line und veröffentlicht den neuen Longplayer „Heartburnt“ wieder über das bandeigene Label Plainsong Records. Finanziert wurde die Scheibe durch eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne. Entsprechend viel zu erzählen hatten Sänger Hardy Fieting und Gitarrist Robert Klausch im Negatief-Interview.

„Wir versuchen immer, uns viel Zeit für unsere Songs zu nehmen, aber wir werkeln nicht permanent drei Jahre am Stück an unseren Sachen“, erklärt Hardy, angesprochen auf die dreijährige Veröffentlichungspause. „Ich habe auch an Alben anderer Künstler gearbeitet. Und meine Kollegen sind neben Scream Silence ihren eigenen Projekten The Whispering Sea (Robert) und Tunes Of Dawn (Hagen und René) nachgegangen, deren Alben ich auch produziert habe.“ Die neuen Songs sind im Rahmen von Session-Seasons entstanden, wobei die Musiker Ideen innerhalb eines begrenzten Zeitrahmens ausarbeiten und arrangieren. So wurden einige Songs des neuen Albums schon 2013 geschrieben und produziert, andere dagegen wurden erst kurz vor dem Presswerktermin fertig. Aufgenommen haben Scream Silence „Heartburnt“ in ihrem neuen Studio, das 2012 auf das Gelände des russischen Strafgefangenenlagers in Berlin-Hohenschönhausen umsiedelte. „In der Hauptsache haben wir ins Studio investiert“, so Hardy. „Neue Recording-Software löste veraltete ab. Hier ist heutzutage einfach viel mehr möglich als noch vor einigen Jahren. Auch das Wiederentdecken ‚alter’ Aufnahmetechniken ist zwar nicht neu, hauchte den Songs aber ihr eigenes ‚Karma’ ein. Mein Ansatz war, lieber mal ein anderes Mikrofon auszuprobieren als vorschnell zum Modelling-Amp zu greifen. Auch bei den Keys heißt es inzwischen analog – so weit es geht.“

„Vielschichtig: ja! Überladen: nein!“

Musikalisch klingt „Heartburnt“ wie eine nahtlose Fortsetzung der letzten Alben der Berliner, allerdings mit einigen coolen Überraschungen. Das ohrwurmige „We Can Do No Wrong“ oder das deutsche „Etwas starb in mir“ sind z.B. Songs, die man so nicht erwartet hätte. Wo sieht die Band ihre größten Fortschritte? „Auch wenn Scream Silence schon für ein wenig Bombast steht, versuchen wir uns gerade im Weglassen“, so der Sänger. „Vielschichtig: ja! Überladen: nein! So zumindest unser Ansatz, dessen Umsetzung uns hoffentlich sporadisch gelang. Manche Songs schreien einfach nach einer Prise mehr. Bei ‚Etwas starb in mir’ hatte ich das erste Mal das Gefühl, hier passe die deutsche Sprache einfach. Wir starteten schon häufiger einen Song in Deutsch und landeten doch immer wieder beim Englischen. Aber hier war es ein logischer Schluss.“ Gitarrist Robert merkt an: „Für uns Gitarristen war ‚Heartburnt’ technisch ein hartes Stück Arbeit. Vieles haben wir komplett anders gemacht. Wo wir früher oft auf eher Metal-typisches Riffing gesetzt haben, arbeiteten wir diesmal mit ganz unterschiedlichen Techniken und Sounds, die oft eher an gute alte New-Wave-Bands erinnern. Viel Hall, wenig Verzerrer, 60s-Amps, Phaser und Tremolo. Sogar der gute alte Bottleneck der Blues-Szene wurde herausgeholt. Dadurch klingen die Gitarren oft moderner und weniger überladen als früher.“
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The National mit mehr Drive

Und noch eine Überraschung erwartet die Hörer. Mit „Conversation 16“ findet sich eine Coverversion von The National auf der Scheibe, der Scream Silence ihren eigenen Stempel aufdrückten. „Die Idee kam uns beim Hören im Auto“, erinnert sich Hardy. „Wir fanden, es ist ein guter Song der großartigen The National, jedoch hat er im Original etwas zu wenig Drive. Wir haben versucht, dem Track ein wenig mehr ‚Leben’ einzuhauchen. Generell sind The National tolle Songwriter, deren Interpretationen mir dennoch ab und an zu depressiv klingen.“ The National haben mit der Gothic-Szene, aus der Scream Silence hervorgingen, eher wenige Anknüpfungspunkte. Wo sehen sich die Hauptstädter heute in puncto Stilistik? „Viele Bands, die wie wir selbst schon lange zusammenarbeiten, entwickeln sich immer weiter und machen dabei auch musikalische Metamorphosen durch“, erläutert Robert. „Ich denke da an Opeth oder Anathema, die am Anfang ihrer Karriere lupenreine Death-Metal-Bands waren und sich mittlerweile ganz dem Prog-Rock verschrieben haben. Wir haben immer versucht, uns vom Stigma eines Subgenres zu befreien, das uns in irgendeiner Form kreativ einschränken würde. Genres wie Goth- oder Dark-Rock spiegeln unser musikalisches Spektrum spätestens seit dem sechsten Album ‚Aphelia’ nicht mehr ausreichend wider. Daher passt zu dem, was wir gerade erschaffen, das ganz allgemeine Genre ‚Rock’ oder ‚Alternative Rock’ noch am ehesten, auch wenn wir unsere seit Jahren gepflegte Liebe zum Prog hier nicht unerwähnt lassen wollen.“ Als Genrebezeichnung schlägt der Gitarrist grinsend „New Progternative Wave-Rock“ vor.

„Ein guter englischer Wortschmied“

Die Texte zu „Heartburnt“ stammen zu großen Teilen aus der Feder des britischen Wortschmieds Anthony J. Brown aus Sheffield. „Wir kennen Anthony schon seit vielen Jahren, da er mit Robert seit 2010 auch die Texte für The Whispering Sea schreibt“, erklärt Hardy. „Was als Experiment gedacht war, stellte sich als unglaublich gut funktionierende Kollaboration heraus. Deshalb sind ausnahmslos alle Texte von Anthony, auch das deutsche ‚Etwas starb in mir’, welches ich dann nachträglich übersetzt habe.“ Robert ergänzt: „Anthony ist in England ein preisgekrönter Comedian und Poet, zudem ein außergewöhnlich empathischer Mensch, der sich schnell in die Gedankenwelt anderer hineinversetzen kann, emotionale Zusammenhänge sofort aufgreift und lyrisch wunderschön verarbeitet. Ein ganz besonderer Künstler, wie ich finde. Wir sind unglaublich stolz, mit ihm arbeiten zu können.“ Entstanden sind die Lyrics dennoch in enger Zusammenarbeit mit Sänger Hardy, wie Robert abschließend betont: „Hardy und Anthony nutzen eine sehr interessante Technik, um sich gedanklich auszutauschen. Hardy schickt zunächst die Songidee zu Anthony, auf die schon die ersten Wortfetzen gesungen sind. Dann tauschen die beiden sich in unzähligen Chats aus, wobei Hardy immer wieder neue Aufnahmen an Anthony schickt. Am Ende haben die beiden einen silbensynchronen Text, der sich inhaltlich mit Hardys Grundidee deckt, aber dennoch von so hohem lyrischen Wert ist, wie ihn nur ein guter englischer Wortschmied formen kann.“

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, sollte als Erstes einen Blick in das wunderbare und aufwendige „Art Remains“-Videos im Netz werfen und dann natürlich „Heartburnt“ als Ganzes eine Chance geben. Es lohnt sich!

Sascha Blach
www.screamsilence.de

8 August 2015

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