Amoral – „Ich habe gut vier Monate im Keller gesessen“

Amoral – „Ich habe gut vier Monate im Keller gesessen“

Etwas mehr als ein halbes Jahr ist es her, dass wir mit Amoral während ihrer Deutschland-Tour in Köln sprachen. Seitdem hat sich einiges getan: Zum einen haben die Finnen fleißig an ihrem neuen melodischen Metal-Album gewerkelt, zum anderen ist der ursprüngliche Sänger Niko Kalliojärvi wieder der Band beigetreten. Zwei gute Gründe, um die Herren erneut zum Gespräch zu bitten. Wir trafen Gitarrist Ben Varon und den „neuen alten“ Sänger Niko während des diesjährigen Tuska Open Air Metal Festivals in Helsinki und sprachen mit den beiden über das frische Line-up, die nächste Platte und den ersten vollen Live-Auftritt als sechsköpfige Band.

 

NEGAtief: Wie habt ihr das Mittsommer-Fest letztes Wochenende verbracht?

 

Niko: Eigentlich habe ich das ganze Wochenende geübt. Jener Herr [zeigt auf Ben] hat ein paar ziemlich blöde Riffs geschrieben, die viel Übung erfordern. Nun ja, nicht blöde, sondern natürlich großartige Riffs. Aber…

 

NEGAtief: Sei besser vorsichtig, mit dem, was du sagst! [Gelächter]

 

Niko: Oh ja.

 

Ben: Eigentlich war’s ein lustiger Mittsommer. Normalerweise versuche ich in jener Zeit erst gar nicht, Probesessions zu organisieren, denn alle Bandmitglieder sind unterwegs. Aber dieses Jahr an Juhannus waren sie alle in Helsinki, weshalb wir üben konnten. Und wir hatten eine Menge zu üben, denn morgen steht unsere erste Show seit sieben oder acht Monaten an. Wir waren zwischenzeitlich im Studio und haben die ganze Zeit aufgenommen, aber eine Bandprobe hatten wir schon ewig nicht mehr. Deshalb war es gar nicht mal so schlecht, dass sich alle an Mittsommer in Helsinki aufhielten und wir ein paar Dinge erledigen konnten.

 

NEGAtief: Es gibt eine große Neuigkeit bei Amoral: Niko, du bist nach sieben Jahren in die Band zurückgekehrt. Wie kommt’s?

 

Niko: Das schien einfach eine gute Idee zu sein. [Gelächter]

 

03_Amoral_InterviewNEGAtief: Warum?

 

Ben: Es gab viele kleine Gründe, die sich in jenem Burschen bündelten. Niko hat in den vergangenen Jahren immer mal wieder mit uns zusammengespielt.

 

NEGAtief: Ich erinnere mich daran, dass er beispielsweise letztes Jahr zusammen mit euch auf dem Tuska-Festival aufgetreten ist…

 

Ben: Ja, das war einer der größeren Auftritte. Er hat bei ein paar Songs mitgemacht, genauer gesagt, zelebrierten wir das erste Album mit einem Song-Medley. Eigentlich war es immer eine feine Zeit mit ihm – und niemals gegenteilig. Er wollte nur für eine gewisse Zeit mal was anderes machen, was wir vollkommen verstehen konnten, denn diese Band ist sehr zeitraubend. Und mir ist es bei den Bandmitgliedern wichtig, dass sie besser beiseitetreten, wenn sie nicht 100 Prozent geben können, anstatt die anderen aufzuhalten. Aber ja, die Shows mit Niko waren immer sehr spaßig. Das ist ein Ding. Hinzu kommt, dass seine Stimme Teil des alten Amoral-Sounds darstellt, und ich dachte, es wäre wirklich cool, dieses familiäre Element zurückzuholen. Nichtsdestotrotz bleibt Amoral eine Band, bei der die meisten neuen Songs von cleanen Vocals getragen werden, denn wir wollen alles recht melodisch halten. Dann wiederum ist Niko mittlerweile ein richtig guter Gitarrist und dies verschafft uns die Gelegenheit, ein paar verrückte Gitarren-Sachen auszuprobieren. Auf dem neuen Album wird es somit einen Battle mit drei Gitarren geben. Der klingt natürlich lauter als ein gewöhnlicher Gitarren-Battle, nicht wahr?

 

Niko: Yeah! [Gelächter]

 

Ben: Und für Masi ist es eine große Sache, dass er sich nun insbesondere mehr auf’s Keyboard fokussieren kann, aber auch auf andere Instrumente. Er spielt auf dem neuen Album alles vom Kazoo bis ich weiß nicht… Und auch live wird er nun mehr zum Keyboard greifen, während Niko seinen Gitarrenpart übernimmt. Es ist also gar nicht leicht, etwas Negatives bzgl. Nikos Rückkehr zu finden. Bisher ist alles gut. Nun ja, einen Nachteil gibt es in der Tat: Ein Mann mehr an Bord bedeutet zugleich erhöhte Reisekosten.

 

Niko: [mit einem Grinsen im Gesicht] Ich bekomme übrigens 90 Prozent unserer Einnahmen. Ich wäre der Band sonst nicht beigetreten, wenn ich nicht fast alles erhalte. [Gelächter] Das ist gar nicht mal so schlecht für den Rest der Band. Er bekommt dann immerhin noch 10 Prozent.

 

NEGAtief: Wie hast du eigentlich reagiert, Niko, als Ben dir vorschlug, der Band wieder beizutreten? Hast du direkt zugesagt oder erst einmal um Bedenkzeit gebeten?

 

Niko: Die Idee klang sehr spannend und verlockend, aber ich blieb cool und sagte „Lasst mich eine Nacht drüber nachdenken“…

 

Ben: Nun, er hat eine ganze Weile drüber nachgedacht…

 

Niko: Ja, eine Woche lang oder so. Nach dem Anruf sagte mir mein Verstand direkt, dass ich dabei bin, aber dann dachte ich darüber nach, ob das auch alles funktionieren wird. Werde ich genügend Zeit haben? Die Idee ist lustig, aber macht sie auch Sinn? Naja, eigentlich war mir sogleich klar, dass es Sinn macht. Deshalb war ich im Grunde von Anfang an bereit, doch wollte ich einfach nur nochmals sicher gehen, ob es die richtige Entscheidung sein wird.

 

NEGAtief: Als du die Band vor sieben Jahren verlassen hast und Ari Koivunen der neue Sänger wurde, zeigten die Fans starke Reaktionen – sowohl positive als auch negative. Wie reagierten sie diesmal bzgl. deiner Rückkehr?

 

Niko: Ich bin mir der Reaktionen gar nicht so bewusst. Als die News erstmalig veröffentlicht wurde, reagierten alle mit einem „Wow“. Vielleicht zwei Prozent meinten eher „Ähh, was soll’n das? Seltsam“.

 

Ben: Ich bin mir sicher, dass ein paar Ari-Fans, die noch nie was mit den Growling-Parts anfangen konnten, auch wenn Ari sie übernahm, einfach nur den melodischen Aspekt von Amoral lieben. Und das kann ich total verstehen. Aber jene Fans haben eher geschwiegen. Ich denke, sie respektieren uns einfach und wissen, dass wir nur das tun, was wir für die Band als richtig erachten. Amoral wird nach wie vor melodisch sein, aber ein bisschen aggressiver.

 

01_Amoral_InterviewNEGAtief: Es geht also nicht komplett zurück zu den Wurzeln?

 

Ben: Nein, nein. Wir greifen lediglich auf ein altes Element der früheren Alben zurück. Die Musik ist näher an „Fallen Leaves & Dead Sparrows“ als an „Decrowing“ dran.

 

NEGAtief: Wie ist der Stand der Dinge beim neuen Album?

 

Niko: Eigentlich ist es fast fertig. Heute sprachen wir sogar über ein paar fertige Songs, ob wir noch etwas hinzufügen sollten oder ob wir uns mit ihnen wohl fühlen. Aber im Großen und Ganzen ist das Album fertig. Ich übernahm die Growling-Parts und wie Ben bereits erwähnte, gibt es diese Gitarren-Battles und so weiter.

 

NEGAtief: Mit welchen Herausforderungen hattet ihr im Aufnahmeprozess zu kämpfen?

 

Niko: Es ist alles ziemlich glatt verlaufen. Man muss einfach nur sicherstellen, dass alles von Beginn an richtig läuft. Denn es kann durchaus vorkommen, dass man etwas vergisst und dann nach drei Tagen Arbeit realisiert, dass alles für die Katz war. Aber das ist im Grunde keine Herausforderung. Wir mussten nur gewissenhaft sein.

 

Ben: Für mich war es die größte Herausforderung – da ich seit Anfang an in den Aufnahmeprozess involviert war –, dass ich seit Februar in meinem Heimstudio im Keller gesessen habe. Ich bin einfach ungeduldig und kann nicht begreifen, wie manche Leute ein Jahr und länger an einem Album arbeiten können. Ich möchte dies lieber schnell hinter mich bringen, auch wenn ich nichts übereile. Doch in meinem Kopf arbeite ich bereits an Ideen für das übernächste Album. Ich habe nun also gut vier Monate im Keller gesessen, denn wenn man alles selbst in Angriff nimmt, dauert es einfach etwas länger. Man muss alle Zeitpläne koordinieren. Meinen eigenen Kram habe ich natürlich nachts erledigt. Sobald also die anderen Jungs den Aufnahmeraum verließen, setzte ich mich beispielsweise noch von 10 Uhr abends bis 3 Uhr morgens hin, um an meinen Gitarren-Leads zu arbeiten.

 

NEGAtief: Schläfst du auch mal zwischendurch?

 

Ben: Seitdem das meiste erledigt ist, geht das wieder besser. Aber vielleicht ist dies der schwierigste Part: die ganze Zeit fokussiert und begeistert zu bleiben. Je länger die Albumentstehung dauert, desto schwieriger ist es, fokussiert zu bleiben. Sobald wir allerdings die Mixe hören, ist alles anders. Denn dann hört man wirklich mal, wie das Album letztlich klingen soll.

 

NEGAtief: Greift ihr auf einen externen Produzenten zurück?

 

Ben: Ich produziere das Album größtenteils selbst wie auch schon beim letzten Mal. Bei der bisherigen Zusammenarbeit mit Janne Saksa – wie auch mit Marco Hietala, der beim letzten Album z.B. die Vocals aufnahm – sah ich den Herren stets auf die Finger und versuchte mir einzuprägen, wie sie an die Sache herangehen. Ich glaube, nun bin ich bereit, alles selbst zu machen, denn die Songs und ihr finaler Klang befinden sich bereits in meinem Kopf. Auch wenn wir in der Vergangenheit auf die Unterstützung von Produzenten wie Janne Saksa oder Marco Hietala zurückgriffen, ging es mehr darum, dass sie bei den Aufnahmen das Beste aus den Jungs herausholten. Doch die Songs wurden nie großartig verändert. Nun wollen wir also alles selbst in Angriff nehmen. Masi ist hierbei der Co-Produzent und hilft mir etwa bei den Arrangements für die Orchester-Parts. Er ist ein wahrer Multiinstrumentalist. Auch auf dem Album spielt er jede Menge Instrumente: Keyboard, Gitarre, verschiedene Flöten, Percussions…das wird cool!

 

NEGAtief: Da es nun zwei Sänger in der Band gibt – wer ist für die Lyrics zuständig?

 

Ben: Beim neuen Album habe ich das Schreiben übernommen. Aber grundsätzlich gibt es da keine strengen Regeln. Wir werden also sehen, was beim nächsten Mal passiert. Diesmal war Niko einfach ziemlich beschäftigt, musste die Schule fertig machen und noch ein Album mit seiner anderen Band aufnehmen. Deshalb habe ich die Songtexte einfach übernommen. Außerdem hatte ich bereits das Konzept in meinem Kopf. Aber wer weiß? Vielleicht hat Niko demnächst ein paar Inspirationen?

 

NEGAtief: Herrscht auf dem Album ein bestimmtes Thema vor?

 

Ben: Yeah, es handelt sich mal wieder um ein Konzeptalbum. Diesmal wollte ich eine Grundidee nehmen und kleine Geschichten drumherum bauen. Zeit und Ort wandern umher, deshalb ist es schwierig, das Gesamtbild auf Anhieb zu begreifen. Aber da uns bisher weder Albumtitel noch Artwork vorliegen, halte ich es nicht für sinnvoll, zu sehr ins Detail zu gehen. Nur so viel: Einmal mehr geht es in den Lyrics um etwas, was ich gehört und gesehen habe, das meine Vorstellungskraft angeregt hat. Die Texte basieren also auf der Realität…

 

NEGAtief: Für wann ist die Veröffentlichung angesetzt?

 

Ben: Das wurde bisher noch nicht festgelegt, aber wir streben Januar oder Februar 2016 an.

 

04_Amoral_InterviewNEGAtief: Morgen steht ihr erstmalig als komplette sechsköpfige Band hier in Helsinki im Virgin Oil auf der Bühne. Was erwartet uns?

 

Ben: Das wird eine interessante Sache. Ich bin deswegen schon ein bisschen nervös, da wir seit Ende letzten Jahres nicht mehr auf der Bühne gestanden haben. Dann wiederum gibt es ein neues Bandmitglied, das auch Gitarre spielt, und Masi musste ein paar Keyboard-Parts einstudieren.

 

Niko: Es wird jede Menge Action auf der Bühne geben. Mit diesem neuen Line-up wechseln wir auch mal zwischendurch – sogar während eines Songs – die Instrumente. Aus dem Publikum heraus gibt’s also viel zu sehen, sofern man nicht im Moshpit steckt. [lacht]

 

Ben: Das ist übrigens etwas, was mir sehr gut gefällt: dass wir die Instrumente wechseln. Es könnte also durchaus vorkommen, dass Niko in einem Song ein bisschen Gitarre spielt und sie beim nächsten komplett weglässt und Masi im wiederum nächsten Song von der Gitarre ans Keyboard wechselt. Bezüglich der Instrumentierung wird also viel geschehen auf der Bühne. Das sieht man nicht häufig in Metal-Bands. Natürlich gibt es Bands mit drei Gitarristen, aber normalerweise sind sie eben nur die Gitarristen.

 

NEGAtief: Werdet ihr auch ein, zwei neue Songs vorstellen?

 

Ben: Ja, wir werden einen neuen Song spielen.

 

Niko: Es handelt sich um einen der längeren…

 

Ben: Sind sie nicht alle lang?

 

Niko: Ja, das ist Standard bei Amoral.

 

Ben: Deshalb wollen wir auch nicht zu viele neue Songs spielen, denn heutzutage gibt es nur eine Handvoll Lieder auf jedem neuen Album. Anstatt also bereits die Hälfte des neuen Albums vorzustellen, sechs Monate vor der Plattenveröffentlichung, spielen wir nur einen neuen Song und liefern damit einen kleinen Vorgeschmack.

 

NEGAtief: Werdet ihr euch das restliche Wochenende auf dem Tuska aufhalten?

 

Ben: Hoffentlich am Sonntag, denn heute sitzen wir den ganzen Tag nur drinnen – außer bei Lamb Of God. Morgen werden wir noch nicht einmal hier sein, denn wir müssen den Soundcheck machen und uns für die Show vorbereiten. Aber am Sonntag haben wir frei, kommen hierher und schauen uns ein paar Bands an.

 

NEGAtief: Du auch, Niko?

 

Niko: Ja, ja.

 

NEGAtief: Welche Bands würdest du gerne sehen?

 

Niko: Opeth, aber um ehrlich zu sein habe ich mir noch nicht das Tuska-Line-up angeschaut. Ich weiß nur, dass heute Lamb Of God spielen. [lacht] Wir werden uns also ihren Gig anschauen und danach noch ein paar Interviews geben. Aber am Sonntag will ich natürlich Opeth sehen. Und wann spielt Alice Cooper? Den würde ich auch gerne sehen…

 

Interview & Fotos: Lea Sommerhäuser

 

www.amoralweb.com

13 Juli 2015

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