Biomekkanik – Düstere Klangschönheiten aus Mälmo

Biomekkanik – Düstere Klangschönheiten aus Mälmo

Nachdem es lange Zeit ruhig um Christer Hermodsson und Biomekkanik geworden war, meldet sich die Band nun umso stärker mit dem neuen Album „Violently Beautiful“ zurück. Mit Gitarrist Mattias Johansson und Keyboarder Andreas Ingefjord hat Christer zwei erfahrene Musiker ins Boot geholt, die eine perfekte Ergänzung für den eingängigen Sound darstellen. Das neue Album ist kraftvoller als sein Vorgänger, besticht durch klare Klangsequenzen, bewegende Soundexperimente und starke Gitarrenriffs. Somit ist es kein Wunder, dass die Scheibe gleich in der Erscheinungswoche auf Platz fünf der Deutschen Alternativen Charts (DAC) eingestiegen ist. Wir haben die Veröffentlichung zum Anlass genommen, um uns mit Christer zu unterhalten.
Christer, du hast Biomekkanik 2001 gegründet, aber bis zur Veröffentlichung des ersten Albums „State Of Perfection“ hat es nochmal acht Jahre gedauert. Bist du selbst ein Perfektionist oder gab es weitere Umstände, die für den langen Arbeitsprozess verantwortlich waren?

Christer: „Während dieser Periode meines Lebens hatte ich noch immer viele Live-Gigs mit S.P.O.C.K. Ich produzierte andere Bands, was meine Arbeit ebenfalls ständig unterbrach. Ich war und bin recht effektiv, wenn es darum geht, die Lücken anderer Menschen zu schließen. Aber als es um mich selbst ging, war es schwieriger, als ich angenommen hatte. Kreativität kann sehr kompliziert sein. Ich habe es sogar mal betrunken im Studio versucht, aber das war nicht sonderlich produktiv. Zunächst hatte ich die Idee, EBM zu machen, aber besser. Ich wollte alles nehmen, was ich gelernt hatte, vor allem von der Metal-Szene, und etwas Neues schaffen. Doch nun ja, ich habe ganz großartig versagt! Und es hat mich Zeit gekostet, zu realisieren, dass ich aufhören muss, mich selbst zu zwingen, und mehr auf mein Bauchgefühl hören muss.“

Nach dem Erfolg des ersten Albums (Platz 2 für vier Wochen in den DAC) 2009 gab es einige Gerüchte, ob es ein zweites Album geben und Biomekkanik überhaupt fortbestehen würde. Was ist passiert und was hat letztlich zur Zusammenarbeit mit dem deutschen Label UCM Records/Danse Macabre geführt?

Christer: „Ich habe von dem ganzen Geld jede Menge Drogen gekauft und bin damit in den Orbit geflogen! Nein, nicht wirklich. Tatsächlich bin ich Vater geworden. Erst, als ich mich mit Andreas und Mattias zusammengeschlossen habe, schaffte ich es, wieder Dinge erledigt zu bekommen. Nachdem SSC als aktives Label aufhörten, hatten wir einige Angebote. Ein Freund erzählte mir, dass UMC sehr interessiert an einer Zusammenarbeit waren . Und aufgrund dieses Enthusiasmus‘ habe ich mich dann für sie entschieden.“

Beim Reinhören in das neue Album „Violently Beautiful“ bekommt man den Eindruck, dass es verspielter ist als sein Vorgänger und dass die Gitarren präsenter und ein ganzes Stück härter sind. Ich vermute, dass dies der Zusammenarbeit mit Andreas und Mattias geschuldet ist. Wie habt ihr euch gefunden und wie war die Arbeit im Studio?

Christer: „Die Gitarren auf dem ersten Album sind alle Fakes. Meist eingespielt über einen sehr uncoolen DX7, für die, die es interessiert. Ich dachte, ich würde auf der Bühne aussehen wie Howard Jones. Aus dem Grund streckte ich für die ersten Shows meine Fühler nach irgendeinem Keyboarder oder Gitarristen aus. Das war schwierig, weil der Gitarrist meine auf dem Keyboard eingespielten Parts übernehmen musste, d.h. er musste wirklich sehr gut sein. Vieles, was auf einem Keyboard möglich ist, funktioniert mit sechs Saiten nicht mehr so gut. Das Witzige war: Mattias machte schon die ganze Zeit ähnliche Musik mit seiner Industrial Metal-Band Project Grudge. Ich wusste das die ganze Zeit. Ich weiß nicht, wieso ich nicht schon früher mit ihm zusammengearbeitet habe. So dumm! Schließlich fragte ich ihn 2009, ob er bei einem Live-Gig mitmachen würde, da mir ein Gitarrist fehlte. Den ersten Gig, den er mit Biomekkanik hatte, war auf einer Fetisch-Party. Danach war er etwas besorgt und fragte, ob ich grundsätzlich vor Perversen spielen würde. Ich habe natürlich geantwortet, dass das immer so ist (lacht). Nun hatte ich einen Gitarristen mit allen Vorzügen, die damit einhergehen. Anstatt dass ich stundenlang am Computer Zeit für die Gitarrenparts investiere, kann Mattias diese kreieren. Außerdem arbeitet er mit am Songwriting, was alles viel einfacher macht und mehr Spaß bringt.“

Und wie war das bei Andreas?

Christer: „Andreas kannte ich auch schon lange, bevor er zur Band hinzukam. Er arbeitete als DJ in alternativen Clubs in Malmö und ich hörte, dass er singen und spielen könne. Also fragte ich ihn. Auch hier hätte ich schon früher auf die Idee kommen sollen. Andreas ist ein guter Musiker, aber auch eine sehr kreative Person mit vielen Ideen und künstlerischem Wissen. Deshalb war es nur natürlich, dass er die Illustrationen für das Album machte. Er konnte all die Lyrics zusammenfassen und daraus ein Bild erschaffen.“

Was war die Intention des neuen Albums? Sollte es ein Nachfolger von „State Of Perfection“ werden oder wolltest du einfach etwas Neues erschaffen?

Christer: „Für mich war es schon ein Erfolg, in der Lage zu sein, genügend Songs für ein Album zu schreiben. Nachdem Andreas und Mattias hinzugestoßen waren, waren die Erfolge schneller zu sehen. Ideen, an denen ich seit Jahren gearbeitet hatte, fanden auf einmal ihre Bestimmung. Zurückblickend gesehen, könnte man schon sagen,, dass es sich um einen Nachfolger von ‚State Of Perfection‘ handelt. Das ist total seltsam, aber ich habe herausgefunden, dass ich eigentlich tatsächlich keine neuen Songs schreibe, sondern wie ein Müllsammler nach alten Sachen und Erinnerungen in meinem Hirn suche. Sie sind trügerisch und können einfach wegrennen und sich verstecken, ähnlich wie die lachenden Kinder in ‚Blair Witch Project‘.“

Was war für dich persönlich der wichtigste Schritt, um den Sound des neuen Albums zu erschaffen?

Christer: „Allein meinem Instinkt zu folgen und alles andere zu ignorieren. Sounds zu benutzen, die dich an etwas erinnern, ohne zu wissen, was genau es ist. Von Aufnahmen von Metal-Stücken bis hin zum Kreieren eines Bass-Sounds aus einer Plastikbox und einem Gummiband. Wirklich billige, beschissene Dinge, wie kaputtes Equipment, das keinen korrekten Ton mehr spielt. Dies kombiniert man dann mit den teuren Sounds, sodass sie zusammen eine Sprache sprechen.“

Neben Themen, die den Hörer persönlich berühren, findest du auch kritische Töne bezüglich Politik und Religion. Mir fallen hier „Democracy“ oder „True Believers“ als Bespiele ein. Wie wichtig ist deiner Meinung nach eine klare Message, auch bei Electronic Dance Music

Christer: „Normalerweise sind die Worte zuerst da. Mir fällt eine Phrase, ein Gedicht oder ein Thema ein und das versuche ich dann in einen musikalischen Kontext zu fassen. Ich lese viel, ich schaue die Nachrichten und ich rege mich leicht über Ungerechtigkeiten und Dummheiten in der Welt auf. Und dann schreibe ich darüber. Das ist an sich auch nichts Einzigartiges. Ich schrieb die Lyrics für ‚Heaven Awaits‘ und ‚Enemy‘ vom ersten Album eine Woche, bevor G.W. Bush Präsident wurde. Hätte Al Gore die Wahl gewonnen, hätte ich vermutlich ein paar nette Liebeslieder geschrieben (lacht). Die Welt von heute ist schwer zu beschreiben. Es gibt kein pures Schwarz oder Weiß, kein klares Gut oder Böse, es sind komplizierte Ketten von Ereignissen. Internationale Unternehmen werden zu unbewussten Gebilden ohne wirkliche Verantwortung. Ich denke, das ist der Grund, weshalb ‚Violently Beautiful‘ ein wenig esoterischer ist. Ich denke nicht, dass es wichtig ist, eine klare Message zu haben, wenn man nur Dance Music macht. Solange die Wörter zusammen passen und interessant oder cool genug klingen, ist das okay. Wie bei David Guetta oder Swedish House Mafia. Man sollte nur darauf achten, dass es nicht zu blöd aussieht, wenn man es auf Papier niederschreibt und einem Freund zeigt. Ich sehe Biomekkanik aber nicht als eine Band, die Electronic Dance Music macht. Das ist auch nicht unsere Ambition. Wenn ich von Beginn an an Dancefloors denken würde, bekäme ich eine Schreibblockade. Wenn ein Song zufällig Dancefloor-tauglich ist, ist das purer Zufall.“

Werdet ihr dieses Jahr auf Tour gehen und wie sieht die Zukunft von Biomekkanik aus?

Christer: „Wir haben alle drei sehr viel Bühnenerfahrung und bieten somit, denke ich, einen sehr hohen Entertainment-Faktor. Deutschland ist wie ein zweites Zuhause für uns, sodass wir auf jeden Fall nach dem Sommer kommen werden. Wir waren leider etwas spät dran für die Festival-Saison im Frühjahr. Aber wir haben ein paar Shows in Schweden. In den nächsten Monaten werden wir neue Songs schreiben und aufnehmen und Videos machen. Wir sind noch immer, trotz gerade fertig gestelltem Album, in einer sehr kreativen Phase.“

Carina Usko
www.facebook.com/pages/BIOMEKKANIK/103373558834

26 März 2015

Kommentare sind geschlossen.