Emigrate – Alles ist möglich

Emigrate – Alles ist möglich

„Silent So Long“, das zweite Album von Emigrate, besteht aus den Essenzen vieler musikalischer Kulturen und Einflüsse. Das alles verbindende Element ist Gitarrist, Songwriter und Sänger Richard Kruspe. Die Band ist international: Richard ist Deutscher, Bassist Arnaud Giroux Franzose, Drummer Mikko Sirén ist Finne und der zweite Gitarrist Olsen Involtini ginge glatt als Schwede durch, ist aber waschechter Berliner. Dazu kommen hochkarätige Gastsänger aus aller Welt wie Marilyn Manson, Lemmy Kilmister, Peaches, Frank Dellé und Jonathan Davis. Wir trafen Arnoud und Richard Mitte September in Berlin.

„Silent So Long“ ist auch die Emanzipation Richards als Sänger und Arnoud war es, der ihn darin bestärkte, über seine Grenzen hinaus zu gehen. „Mir war nie wirklich klar, was es heißt, Sänger einer Rockband zu sein“, führt Richard aus. „Arnoud war es, der mich dazu brachte, mich immer weiter zu entwickeln.“ Arnoud: „Singen ist das Mittel, um die richtige Attitüde für den Song zu finden. Das finde ich sehr spannend und ich singe seit ich 16 bin.“ „Das ist der große Unterschied zum ersten Album“, so Richard. „Bin ich ein Sänger oder versuche ich ein Sänger sein – das hat mich damals sehr beschäftigt. Nun, beim zweiten Album, war das nicht mehr so. Bei der ersten Scheibe gab es auch noch zu viele andere Unsicherheiten in meinem Kopf; was ist mit meinem Akzent, andere singen doch viel besser als ich, bringe ich die Emotionen rüber, wie behalte ich die Texte, treffe die Töne … ich war nicht frei. Das Schwierigste ist wohl, den Klang der eigenen Stimme zu akzeptieren.“

Eine Frage, die die beiden während ihres Interviewmarathons oft gehört haben dürften, war jene nach Live-Konzerten, sind Emigrate doch noch nie live aufgetreten. Arnoud: „Wir befinden uns da noch in einem Prozess, aber wirklich geplant ist im Moment nichts, vielleicht weiß ja Richard schon etwas mehr?“ Richard hält den Ball flach: „Live aufzutreten ist mir nicht so wichtig. Ich liebe es, im Studio zu sein, aufzunehmen, kreativ zu sein – das liegt mir mehr. Ich habe nicht das Gefühl, noch mehr touren zu müssen, aber vielleicht wächst da ja noch etwas.“ Emigrate haben viele Gaststars auf dem Album. Gab es auch Leute, die sie gerne gehabt hätten, bei denen es aber nicht dazu kam? „Mike Patton von Faith No More hatte leider gar keine Zeit, er ist so beschäftigt mit seinen Dingen“, antwortet Richard. „Das hat leider nicht geklappt. Maybe next time.“ Dass Richard bei Emigrate überhaupt auf Englisch singt, erklärt er damit, dass die Band in New York entstanden ist. „Ich verbinde das sehr stark miteinander“, sagt er. „Da lag es einfach nahe, Englisch zu singen. Außerdem hat es mir geholfen, meine eigene Stimme zu finden. Als kleiner Junge habe ich Bon Scott, meinen Helden, immer vor dem Spiegel imitiert.“ Arnoud ergänzt: „Jede Sprache hat ihren ganz eigenen Swing, Rhythmus oder Vibe, da ist es nicht unbedingt immer wichtig, ob man versteht, was gesungen wird, wichtig ist, dass die Stimme die Emotionen transportiert, damit der Song lebt und zu deinem Herzen spricht.“ Richard stimmt zu: „Ich könnte mir keine französische Industrial-Hardcore-Band vorstellen. Französisch hat für mich immer was mit Chanson oder Pop zu tun.“ Arnoud widerspricht lachend: „Ich kenne da aber schon französische Bands, die einen ziemlich harten Sound mit großartigen Texten machen.“

Befragt nach seinem persönlichen Lieblingssong und seinem lyrischen Highlight des Albums überlegt Richard zunächst. „Das wechselt ständig“, sagt er dann. „Im Moment mag ich ‚Happy Times’ sehr, er unterscheidet sich stark von den anderen Songs. Was die Lyrics angeht ist ‚Born On My Own’ einer meiner Favoriten, weil er sehr persönlich ist.“ Auch einen Song, der es nicht auf das Album geschafft hat, gibt es. „Ja, er heißt ‚ Rainbow’ und handelt von meiner Tochter, aber ich war nicht zufrieden damit und er passte am Ende auch von der Stimmung nicht ins Album“, so Richard. Alles in allem ist die Scheibe in sich sehr stimmig, was auch an den Gaststars liegt, welche unterschiedlicher hätten kaum sein können. „Hypothetical“, der beste Marilyn-Manson-Song seit Langem, und das Duett mit Frank Dellé von Seeeed sind beeindruckende Brücken zweier Musikwelten. Da überrascht es nicht, dass mit Lemmy Kilmisters Beitrag auch eine Facette in Richards Gitarrenspiel auftaucht, die man so nicht ohne Weiteres von ihm erwartet hätte. Da Emigrate wohl immer ein Studioprojekt bleiben wird, kann man nur auf schicke Videos zu den Songs hoffen.

Sarah Thon

Übersetzung: Susanne Ebert
Bild: Alexander Gnaedinger

www.emigrate.eu

7 November 2014

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