Kontrast – Liebe zur schnellen Nummer

Kontrast – Liebe zur schnellen Nummer

Den Song „Einheitsschritt“ kennt wohl jeder, der sich halbwegs regelmäßig auf schwarze Partys begibt. Kontrast (früher: Isecs) haben sich damit ein Denkmal gesetzt, aber auch weit mehr zu bieten und im Laufe ihrer Karriere viele weitere, schöne Songs kredenzt, von denen manch einer ebenfalls zum Clubhit avanciert ist. Auch die brandneue CD „Balance“ bietet wieder elektronische Tanzmusik vom Feinsten, die zudem bewusst zurück zu den eigenen Wurzeln geht.

Wer die Band aufmerksam verfolgt, weiß, dass sie nie ganz untätig ist. Dennoch sind ganze sechs Jahre seit dem letzten Full-Length-Album ins Land gezogen. Die Wartezeit erklärt Sänger Roberto mit schlüssigen Argumenten: „Wir sind inzwischen alle in privaten und/oder beruflichen Situationen, die es nahezu unmöglich machen, sich ‚mal eben‘ jedes Wochenende zu treffen und gemeinsam an neuem Material zu arbeiten. Außerdem war es bei Kontrast schon immer so, dass wir erst dann ein Album veröffentlicht haben, wenn wir wirklich der Meinung waren, dass es stimmig ist. Viele der Songs sind über mehrere Jahre gewachsen, bis wir irgendwann das Gefühl hatten, dass sie wirklich einhundertprozentig so sind, wie wir sie uns vorstellen. Aus der marktwirtschaftlichen Perspektive heraus ist diese Arbeitsweise zweifelsohne nicht die effektivste – aus künstlerischer Sicht jedoch sind wir sehr froh, dass wir uns diese Freiheit nehmen können. Eile ist selten ein guter Ratgeber.“

Wie bei elektronischer Musik üblich, wurde also lang und ausgiebig getüftelt, bis man mit dem Ergebnis zufrieden war. Zur Frage, wo die äußerst kniffligen Momente im Schaffensprozess von „Balance“ lagen, äußert sich Mitbegründer und Komponist Dirk: „Der besonders knifflige Moment bestand darin, genau diese Tüftelei nicht zu übertreiben. Gegenüber der Rockmusik hat der technische Fortschritt ja dazu geführt, dass man ein gigantisches Soundarchiv zur Verfügung hat. Am Rechner können alle Instrumente virtuell emuliert werden, man bekommt zum kleinen Preis praktisch alle wichtigen Klänge der Vergangenheit und Gegenwart zur Verfügung gestellt. Das hat natürlich zur Folge, dass man regelrecht erschlagen wird, sich durch Tausende von Sounds zappt und dabei sehr oft das eigentliche Ziel aus den Augen verliert. Diese Erfahrung haben wir insbesondere beim Vorgängeralbum ‚Vision und Tradition‘ gemacht, für das wir nächtelang an Sounds geschraubt haben, um den einen perfekten Klang zu finden. Das hat uns dann wirklich teilweise an den Rand des Wahnsinns getrieben, da wir mit den Songs an sich überhaupt nicht mehr von der Stelle gekommen sind.“

Bei den Arbeiten an „Balance“ gab es daher wieder eine klare Arbeitsteilung: „Bekanntermaßen verderben zu viele Köche den Brei – und wenn vier Leute zusammensitzen, existieren nicht selten auch vier verschiedene Meinungen“, erklärt Dirk. „Von daher war der Weg für die Produktion von ‚Balance‘ vorgezeichnet: Es gab wieder klare Verantwortungsbereiche. Ich bin für die Songs und Klänge verantwortlich, Roberto textet und arrangiert – und gemeinsam wird dann abgemischt. Nicht der Sound sollte den Song bestimmen, sondern umgekehrt: der Song den Sound. So sind die Ideen für viele der neuen Stücke ganz minimal als Klaviermelodien entstanden, um dann nach und nach zu wachsen. Man hört das beispielsweise sehr schön bei dem Titel ‚Am Fenster‘, für den die Klavierspur am Anfang tatsächlich die Ausgangsbasis für den späteren Song war.“

Im Laufe der letzten sechs Jahre ist natürlich deutlich mehr Material entstanden als auf „Balance“ zu hören ist. Ein erstes, erwerbbares Lebenszeichen gab es bereits im vergangenen Jahr mit einer Maxi zum Song „Liebe Light“, welche auf einem USB-Stick inklusive diverser Bonussongs und Remixes veröffentlicht wurde, aber das war noch längst nicht alles. „Es gab natürlich noch weitere Songideen“, äußert sich Roberto zur Zusammenstellung des neuen Albums. „Durch die lange Zeit seit der Veröffentlichung von ‚Vision und Tradition‘ haben wir uns aber immer mal wieder mit einem gewissen Abstand das angehört, was wir vor einem oder vor zwei Jahren fabriziert hatten. Wenn es uns dann immer noch gefallen hat, haben wir daran weitergearbeitet. Wenn wir hingegen das Gefühl hatten, dass es uns nicht mehr überzeugt, sind die Entwürfe erst mal im Archiv verschwunden. Somit ist ‚Balance‘ in der Tat ein Destillat unseres Schaffens der vergangenen sechs Jahre. Interessanterweise ist uns erst beim finalen Abmischen der zwölf Songs, wobei uns Daniel Logemann von Massiv in Mensch tatkräftig unterstützt hat, bewusst geworden, dass das Album sehr kompakt und stringent ausfallen würde. Das hat uns selbst überrascht, denn bei ‚Vision und Tradition‘ hatten wir irgendwann das Gefühl, dass das Gesamtbild immer unschärfer wurde, je länger wir uns mit den einzelnen Songs beschäftigt haben. Das soll bestimmt nicht heißen, dass auf ‚Vision und Tradition‘ keine guten Songs vertreten sind – im Gegenteil! Es scheint uns nur mittlerweile so, dass sie in vielen Fällen eher monolithisch nebeneinander stehen, als dass sie – wie jetzt auf ‚Balance‘ – eine Einheit bilden.“

In jedem Fall lädt das neueste Werk an vielen Stellen zum Tanzen ein, was laut Dirk aber nicht im Fokus steht: „Tanzbarkeit ist beim Songwriting zunächst zweitrangig. Melodien und Texte waren und sind uns immer wichtiger als das bewusste Kreieren von Clubfutter. Das können andere Bands sowieso viel besser. Für ‚Balance‘ hatten wir uns einfach vorgenommen, kompakte Stücke zu schreiben, um stärker zu den Wurzeln von Kontrast zurückzukehren. Unsere Experimentierphase mit epochalen und instrumentalen Songs haben wir ja zur Genüge auf dem Vorgängeralbum ‚Vision und Tradition‘ ausgelebt. Diese Kompaktheit der Kompositionen auf ‚Balance‘ hat den Nebeneffekt, dass die Songs wieder etwas poppiger und somit auch tanzbarer ausgefallen sind. Wir haben sozusagen die Liebe an der schnellen Nummer wiederentdeckt.“

Stimmt, schnelle Nummern können prickelnd sein.

Frank „Otti“ van Düren

www.einheitsschritt.de

7 November 2014

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