Lacrimosa – Ein ziemlicher Zeitfresser

Lacrimosa – Ein ziemlicher Zeitfresser

Freunde des Symphonic-Rocks dürfen gespannt sein, denn Lacrimosa melden sich anno 2014 mit einem frischen Werk zurück: „Live In Mexico City“. Wie der Name schon erahnen lässt, handelt es sich dabei um kein reguläres Studioalbum des Duos. Sänger und Songwriter Tilo Wolff nannte uns gleich vier Gründe, warum es mal wieder Zeit für eine Live-Platte war.

„Unser letztes Live-Album ist bereits sieben Jahre alt und es gibt viele neue Songs, die ich in ihren Live-Versionen festhalten wollte“, so der Wahlschweizer im Interview. „Zweitens haben sich die älteren Titel, die wir auf der vergangenen Tour spielten, über die Jahre entwickelt – manches Mal bewusst, weil wir etwas am Arrangement änderten, Parts strichen oder neue Parts mit aufnahmen, manches Mal passierte das aber auch mit einer gewissen Eigendynamik. Es ist spannend, zu hören, wie die Songs gereift sind. Darüber hinaus habe ich in den letzten Jahren einige Konzerte besucht und hätte mir anschließend oft gewünscht, diese Konzertstimmung immer wieder abrufen zu können. Als dann Leonard Cohen von seiner Tour gleich zwei Live-Alben veröffentlichte, war das für mich wie Weihnachten! Und dieses Gefühl möchte ich unseren Konzertbesuchern auch anbieten.“ Nicht zuletzt gab es laut Tilo in der Musikgeschichte noch nie zuvor ein Album, auf dem ein mexikanisches Publikum deutsche Texte mitsingt. Alleine das mache die CD einzigartig.

Im Vergleich zum letzten Live-Album „Lichtjahre“ (2007), hinter dem sich ein Zusammenschnitt von verschiedenen Auftritten verbirgt, gibt „Live In Mexico City“ ein komplettes Konzert mit allen emotionalen Stimmungsbögen wieder. Und warum wurde gerade Mexico als Ort des Geschehens ausgewählt? Weil Lacrimosa nach eigenen Aussagen dort ihr größtes und lautestes Publikum haben. Bereits seit 1998 touren Tilo und seine Mitstreiterin Anne Nurmi in jenem Land. „In diesen gut 15 Jahren haben wir so viel erlebt, viele Freundschaften und Verbindungen geknüpft, das prägt“, betont der Bandkopf. Zwar sei Mexiko groß und habe unterschiedliche Gesichter, trotzdem bleibe noch viel zu entdecken. Ferner stellt er fest: „Je südlicher die Menschen leben, desto eher tragen sie die Emotionen auf ihren Zungen. Mexiko in Mittelamerika und die Länder in Südamerika wie Brasilien, Argentinien, Chile etc. sind da keine Ausnahmen. Aber auch in Europa erleben wir, dass die südliche Mentalität oft lebendiger als die nördliche ist – wobei man das auch nicht verallgemeinern kann. Ich verbringe viel Zeit meines Lebens in Hamburg und kann hier kaum ein Klischee über die kühlen Nordlichter bestätigt finden.“ In Mexico scheinen Lacrimosa mit ihren Songs jedenfalls genau den Nerv zwischen genügend Emotionalität und Härte zu treffen, der bei einer robusten und doch zutiefst menschlichen Kultur offensichtlich geschätzt wird.

Orchesternummer mit Gitarrenwand

Und wie bereits erwähnt, schrecken die Mexikaner auch nicht davor zurück, die deutschen Songtexte mitzusingen. Angeblich studieren viele der Fans sogar gerade wegen Lacrimosa die deutsche Sprache und verstehen somit auch, was sie da eigentlich auf den Konzerten mitsingen. Doch bei der Show am 13. April 2013 in Mexico City präsentierten Tilo, Anne und ihre Live-Musiker natürlich auch einige englische Titel wie „Not Every Pain Hurts“, „Apart“, „If The World Stood Still A Day“ und „Copycat“. „Am Anfang einer Tour schreibe ich alle Songs auf, bei denen ich zu jener Zeit den größten Reiz verspüre, sie live zu spielen. Das ist oft sehr stimmungsabhängig“, meint Tilo. Wenn man dann die ersten Konzerte spiele, kristallisiere sich schnell heraus, ob die Auswahl an sich passt, die Reihenfolge funktioniert oder ob noch etwas geändert werden muss. „Die Setliste der Live-Scheibe ist also das Ergebnis vieler Stunden auf der Bühne und gemeinsam mit dem Publikum erprobt.“ Bei der Frage nach seinem favorisierten Live-Song tut sich Tilo aber ein wenig schwer, denn das wechsle immer ein bisschen. „Im Moment ist es wohl ‚Rote Sinfonie‘ vom Album ‚Revolution‘, weil ich hier das Arrangement komplett umgestellt, viele Passagen des Albums gestrichen und neue hinzugenommen habe, um die Nummer bühnentauglicher zu machen. Im Original ist es eine große Orchesternummer, auf der Bühne eine massive Gitarrenwand.“

Das wird auch auf dem Live-Doppel-Album deutlich, das insgesamt 23 Tracks und eine Spielzeit von über zwei Stunden umfasst. Dem lauten Jubel der Fans nach zu urteilen, scheint es im Konzertsaal richtig voll gewesen zu sein. Ob sich Tilo noch an besondere Einzelheiten erinnern kann? „Da dieses Konzert unser 50. oder 60. Gig in Mexiko war, hatten wir jetzt nicht das Gefühl, etwas Einzigartiges zu erleben. Aber bei mir war einfach die Freude sehr groß, weil ich wusste, dieses Konzert werde ich mir zuhause irgendwann einmal anhören können.“ Außerdem sei es immer speziell, in diesen riesigen Hallen wie dem Auditorio BlackBerry zu spielen – insbesondere, wenn sie dann auch noch ausverkauft sind. In Mexico Stadt mussten Lacrimosa jedenfalls noch zwei Zusatzkonzerte geben. „Das macht einen sehr dankbar und demütig gegenüber dem Publikum, und diese Emotionen gibt man dann auch entsprechend zurück“, betont der Sänger.

Empfangskomitee am Flughafen

Früher fand er es schrecklich, wenn hin und wieder mal ein Konzert mitgeschnitten wurde, weil dann stets ein gewisser Druck auf ihm lastete. Schließlich sollte es immer eine Top-Performance sein – möglichst ohne technische und menschliche Fehler. „Aber heute wird ja im Grunde jedes Konzert mitgeschnitten“, bemerkt Tilo. „Fast jeder hat ein Smartphone und am nächsten Tag steht der Gig, wenn auch in miserabler Qualität, auf Youtube.“ Deswegen gewöhne man sich mit der Zeit daran, wenn bei einem Konzert die Kamera mitläuft. Und wenn es Patzer auf der Bühne gibt? Ärgert man sich dann tagelang darüber oder sieht man schnell über sie hinweg? „Das kommt ganz darauf an, was für Patzer das sind“, gibt der Musiker als Antwort. „Wenn es um Vermeidbares, um Unachtsamkeit meinerseits, seitens der Band oder Crew oder um technische Pannen aufgrund fehlender Sorgfalt seitens des Veranstalters geht, dann regt mich das massiv auf. Wenn aber einfach etwas aus dem Kontrollverlust heraus schief läuft, den man manches Mal erlebt, wenn man sich komplett in die Musik fallen lässt, dann ist das Teil des Konzertes und aus meiner Sicht überhaupt nicht schlimm.“

Beim Auftritt in Mexico lief aber im Großen und Ganzen alles glatt über die Bühne, wie nicht nur die Doppel-CD zeigt. Denn die erste Auflage von „Live In Mexico City“ wird auch noch eine Bonus-DVD beinhalten. Auf dieser ist zu sehen, wie Lacrimosa in Mexico Stadt landen und von ihren Fans am Flughafen überrascht werden. Darüber hinaus beinhaltet die DVD natürlich auch Konzertausschnitte aus dem Auditorio BlackBerry. So sind etwa die Performances der Songs „Irgendein Arsch ist immer unterwegs“, „Schakal“ und „Alles Lüge“ in voller Länge zu sehen – insgesamt ein 22-minütiges Live-Vergnügen. Das Cover des neuen Lacrimosa-Werks wiederum ziert passenderweise ein Live-Foto – recht edel in schwarz/weiß. Es ist aus Publikumssicht aufgenommen und zeigt Tilo auf der Bühne in tiefer Verneigung vor den Fans. Urheber des Bildes ist der Fotograf Francisco Michel. Auf die Frage hin, warum gerade jene Konzertaufnahme für das Cover ausgewählt wurde, antwortet Tilo schlichtweg: „Weil sie klasse ist!“

Keine perfekte Studioproduktion

Darüber hinaus hatte beim neuen Werk auch der Lacrimosa-Live-Tonmann Nils Rieke seine Finger mit im Spiel. Er stand bei sämtlichen Konzerten jeden Abend am Mischpult und wurde letztlich von Tilo gebeten, auch die Live-Platte abzumischen, obwohl er zuvor noch nie ein Album gemixt hatte. Der Grund: Das Live-Album sollte genau so klingen wie die Konzerte. Denn für Tilo haben Live-Platten nur dann einen hohen Stellenwert, „wenn ich weiß, dass die Band ihre Musik auf der Bühne lebt, ausbaut und neu erschafft und die Platten echt sind und nicht im Studio gefakt werden.“ Wer bei „Live In Mexico City“ also eine perfekte Studioproduktion mit Applauseinspielungen erwarte, der lasse besser die Finger von jenem persönlichen Konzertandenken. Oder derjenige muss einfach auf das nächste reguläre Studio-Album der Szeneband warten. Inwiefern daran bereits gewerkelt wird, darüber hüllt sich Tilo jedoch in Schweigen und betont stattdessen, dass die Veröffentlichung der Live-CD ein ziemlicher Zeitfresser sei. „Im Moment komme ich eigentlich zu nichts anderem, als mich um diese CD zu kümmern“, so der Künstler. Nun gut, „die WM verfolge ich natürlich auch, aber das hält mich nicht von der Musik ab …“

… Und auch nicht davon, bald wieder auf der Bühne zu stehen. So sind Lacrimosa in diesem Sommer auf zwei Open-Air-Festivals in Deutschland zu sehen, ehe es im Oktober auf Russland-Tour geht und Städte wie Moskau, St. Petersburg und Krasnodar abgeklappert werden.

Lea Sommerhäuser

www.lacrimosa.ch

31 Juli 2014

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