Letzte Instanz – An einem Ort der Ruhe

Letzte Instanz – An einem Ort der Ruhe

Erstmals ohne Gründungsmitglied Holly D., dafür mit viel frischer Kreativität läuten Letzte Instanz ein neues Kapitel ein und schicken sich an, die nächsten 15 Jahre Bandhistorie Realität werden zu lassen. Wir sprachen mit Sänger Holly Loose angesichts der Veröffentlichung des neuen Longplayers „Im Auge des Sturms“.

Holly, wie fühlt es sich für dich an, wenn du „Im Auge des Sturms“ nun hörst? Kannst du es dir schon genussvoll anhören oder achtest du noch bei jedem Hören auf all die kleinen Details?

 

Holly: „Das ist bei jedem Album das gleiche Gefühl (lacht)! Erst dauert es gewaltig lange, bis wir der Meinung sind, wir haben etwas geschaffen, das der Zuhörerschaft würdig ist, dann setzt Euphorie ein und wir sind der Meinung, das beste Album unserer Karriere geschaffen zu haben, und nachdem sich alles etwas gesetzt hat und man irgendwann mal wieder reinhört, stellt man fest, dass es da doch noch Dinge gibt, die man bei nächsten Mal anders machen sollte. Aber ich glaube, das ist gut so – nur so entwickeln wir unsere Musik weiter.“
Wird es nach so vielen Alben schwieriger, frische Ideen zu haben, weil man schon so vieles ausgedrückt hat, oder einfacher, weil man mehr Erfahrung hat?

 

Holly: „Teils, teils. Was die Texte betrifft, muss ich natürlich aufpassen, nicht immer nur das Selbe zu schreiben. Daher ist es ganz gut, dass ich nun nicht mehr allein die Texte verfasse, sondern diesmal sogar M. Stolz dran gesessen und seine Gedanken zu Papier gebracht hat.“

 

Ihr habt meist recht viele Songs auf euren Alben. Schreibt ihr stets mehr Stücke als veröffentlicht werden?

 

Holly: „Wir sammeln immer erstmal eine ganze Weile, um einen gewissen Pool zu haben, aus dem wir thematisch auswählen können, sodass wir nicht darauf angewiesen sind, sagen zu müssen, ‚der Song passt zwar nicht rein, aber mehr haben wir nicht’. Insofern bleiben immer Lieder übrig, die dann wieder zurück in die Schublade wandern und noch ein bisschen reifen müssen.“

 

Ihr lebt über ganz Deutschland verteilt. Heißt das, dass auch die Produktionen aus Stückwerk bestehen oder trefft ihr euch regelmäßig für gemeinsame Studio-Sessions?

 

Holly: „Es beginnt mit einzelnen Ideen, die jeder für sich daheim erarbeitet. Diese werden dann als MP3 rumgeschickt und alle anderen machen sich ebenfalls Gedanken dazu. Irgendwann ist es so weit gediehen, dass wir in den Probenraum gehen und die Ideen auf ihre Live-Tauglichkeit testen können. Dort kommen weitere Ideen hinzu und ein Lied kann sich auch noch mal komplett ändern. Doch dann kommt der Punkt, an dem ein Lied einfach fertig ist und jeder seinen Part dazu verinnerlicht, den er wieder mit nach Hause nimmt und dort oder in einem Studio in der Nähe auf Audiospuren bannt. Diese sammelt Oli bei sich und macht daraus ein Gesamtwerk.“

 

Einfach mal „Nein!“ zu sagen, ist in der Tat eine gute Sache. Ein Frustsong?

 

Holly: „Eine Aufforderung! Mich stört es, dass es in Deutschland so etwas wie eine schleichende Gleichschaltung gibt. Dass die großen Medien scheinbar nur Informationen zu Themen herausgeben, die sie oder sonstwer bestimmen, und nicht, welche Themen für die Bevölkerung wirklich von Belang sind. Wie viel von unserem Steuergeld wird zum Beispiel für den Bau des Berliner Flughafens versenkt und warum und wer ist Schuld!? Das ist nur ein kleines Beispiel für viele andere Informationslücken, die bewusst gelassen werden. Es ist langsam Zeit, aufzustehen und sich zu besinnen, was im Grundgesetz steht!“

 

Was hat euch bewogen, Rilkes „Der Panther“ zu vertonen? Inwieweit ist der Text heute noch aktuell?

 

Holly: „Rilke hat mit seinem Text eigentlich eher den Verdruss und die Resignation in den Vordergrund gestellt. Wir haben daraus ein Lied gemacht, welches auch eher eine Art Protestsong geworden ist und dafür stehen soll, nicht aufzugeben, auch wenn die Situation vielleicht aussichtslos erscheint.“

 

„Welche Wahrheit“ scheint ein Song über Lügner. Sind es oft die kleinen Dinge des Lebens, die euch zu Texten inspirieren?

 

Holly: „Auf jeden Fall. Jeder Text entstand aus einem Fragment, dem eine bestimmte Situation oder ein bestimmtes Gedankenspiel vorangegangen ist. Mir persönlich ist es wichtig, nicht einfach nur ins Sprüchebuch zu schauen und daraus einen gut klingenden Text zu bauen, der dann inhaltlich trotzdem leer ist. Das braucht kein Mensch und trotzdem gibt es viel zu viel davon.“

 

Gibt es ein Stück auf dem Album, das dir am allerwichtigsten ist?

 

Holly: „Mir persönlich sind ‚Im Auge des Sturms’ und ‚Der Panther’ sehr wichtig. ‚Im Auge des Sturms’ wird auch bei unserer Zuhörerschaft sehr gut ankommen, denke ich, wie auch ‚Ganz egal’ und ‚Asche’.“
Bekommt ihr oft Mails und Briefe von Fans, denen eure Songs etwas bedeuten?

 

Holly: „Ja, das landet alle bei mir und es kommt viel. Nicht ohne Grund gibt es nun schon zwei Fan-Anthologien, die allesamt Geschichten zu unseren Texten beinhalten und von Fans geschrieben wurden. Da möchte ich doch gleich mal die Gelegenheit nutzen und beide Bücher wärmstens empfehlen, denn sie sind nicht nur kurzweilig, sondern geben auch einen sehr guten Einblick in das gesamte Letzte-Instanz-Universum. Hier also kurze Werbepause: Bitte lesen Sie ‚Weiße Geschichten’ und ‚Weiße Geschichten II’. Beide sind im gut sortierten Fachhandel erhältlich, wobei man sich beim ersten Buch etwas beeilen muss, denn davon gibt es nur noch wenige!“

 

Unterscheiden sich die Songinterpretationen der Fans oft von euren eigenen?

 

Holly: „Nein. Im Großen und Ganzen werden unsere Texte schon so verstanden, wie wir es meinen, und das ist gut so (lacht)!“
Das Artwork ist ja der erste Eindruck, den der Hörer von einem Album bekommt. Sinniert ihr viel über die visuelle Seite der Band nach?

 

Holly: „Natürlich. Neben der Musik ist auch ein Erscheinungsbild sehr wichtig für die Inhaltvermittlung eines Albums. Dementsprechend sind unsere Diskussionen darüber sehr lang, intensiv und ergiebig. Andraj Sonnenkalb hat dann die schwere Aufgabe, alle unsere Ideen zu verarbeiten und in ein Gesamtkunstwerk einfließen zu lassen, was ihm auch immer wieder gelingt!“

 

Das aktuelle Artwork scheint eine innere Zerrissenheit zu symbolisieren. Inwieweit reflektiert dies die Texte des Albums?

 

Holly: „Im Sturm des Lebens reagierst du oft einfach nur auf äußere Umstände. An einem Ort der Ruhe hast du die Möglichkeit, deine Entscheidungen zu überdenken und in Frage zu stellen, um dich für den weiteren Weg zu wappnen. Dazu gehören dann auch Zweifel, Angst und Wut. ‚Im Auge des Sturms’ ist ganz klar ein Ort der Ruhe und des Vorbereitens auf den nächsten großen Schritt. Das drückt das Coverbild aus.“
Was bedeutet euch Erfolg? Würdet ihr auch ohne Erfolg weiter Musik machen?

 

Holly: „Woran misst sich Erfolg? An Geld, an Macht, an Einfluss? Das alles bekommen wir durch unsere Arbeit nur bedingt und trotzdem machen wir weiter. Vielleicht ist das Projekt Letzte Instanz eher eine Art Lebenswerk, das jedem Einzelnen von uns ermöglicht zu wachsen. Das ist wichtiger und vielleicht der eigentliche Erfolg.“
Und wenn die Band eines Tages Geschichte ist, wie sollen sich die Menschen an euch erinnern?

 

Holly: „Sie sollen sich an großartige Momente erinnern, zu denen ein bestimmtes Lied von uns passt. Sie sollen sich an eine Band erinnern, die immer eher gegen den Strom geschwommen ist und doch nicht oder gerade deshalb nicht untergegangen ist. Aber das hat noch Zeit, denn erstmal begeben wir uns nach einem Moment der Ruhe wieder hinaus in den Sturm und nehmen im November jeden mit, der mutig genug ist, teilzunehmen!“

Sascha Blach
Foto: Andraj Sonnenkalb

www.letzte-instanz.de

10 September 2014

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