Omnium Gatherum – „Ich bin ein Adrenalin-Junkie“

Omnium Gatherum – „Ich bin ein Adrenalin-Junkie“

Freitags noch mit Insomnium auf dem „Rock am Härtsfeldsee“-Festival in Deutschland, samstags mit Omnium Gatherum auf der Bühne des finnischen Clubs Virgin Oil Co. und sonntags einmal mehr mit Insomnium auf dem Tuska Open Air in Helsinki – Markus Vanhalas letztes Juni-Wochenende schien ein wenig stressig zu sein. Dennoch nahm sich der Gründer und Gitarrist der Melodic-Death-Metal-Band Omnium Gatherum (OG) zusammen mit Sänger Jukka Pelkonen Zeit für ein ausgiebiges Interview mit dem NEGAtief. Wir trafen die beiden Herren am 28. Juni 2014 in der finnischen Hauptstadt und sprachen mit ihnen über die Fußball-Weltmeisterschaft, Demokratie und neues OG-Material.

NEGAtief: Habt ihr Mittsommer gefeiert?

Jukka: Ich habe Mittsommer mit Freunden in der Sommerhütte verbracht, wir haben gegrillt und Fußball geschaut. Das Wetter war kühl, deshalb ging’s zudem in die Sauna.

NEGAtief: Ihr schaut also auch die Weltmeisterschaft, obgleich Finnland nicht dabei ist?

Jukka: Natürlich schaue ich sie – ganz egal, ob wir selbst daran teilnehmen oder nicht. Es sind so viele gute Teams dabei und Fußball ist nun einmal Fußball.

NEGAtief: Leider habe ich das Deutschland-Spiel am Donnerstag verpasst …

Jukka: Oh ja, ich habe bisher alle Deutschland-Spiele gesehen. Zunächst war ich für Kolumbien, aber Deutschland steht für mich an zweiter Stelle. Ich würde gerne Kolumbien und Deutschland im Finale sehen. Das wäre perfekt!

NEGAtief: Wir sollten aber nun über die Band Omnium Gatherum reden, die viel spannender ist als Fußball. Wie würdet ihr die Band und ihren Sound jemandem beschreiben, der sie noch nicht kennt?

Jukka: Nun, wir machen natürlich Melodic Death Metal – vielleicht mit ein paar überraschenden Wendungen.

NEGAtief: Ihr habt bereits sechs Alben veröffentlicht. Wo seht ihr die musikalische Entwicklung der Band über die Jahre hinweg?

Markus: Wie Jukka bereits sagte, machen wir Melodic Death Metal – und so war es schon immer, nur eben mit ein paar überraschenden Wendungen. Unseren Einfluss sammeln wir dabei stets außerhalb des Melodic-Death-Metal-Bereichs und hören uns auch wirklich Bands an, die keinen Metal machen. Dies bringt jede Menge einzigartige Melodien und Atmosphäre in unsere Musik – zumindest hoffen wir das. Aber um deine Frage zu beantworten: Unser Sound war in den Anfangstagen möglicherweise ein bisschen aggressiver und nun geht’s mehr in die melodische Richtung.

Jukka: Omnium Gatherum ist eine Band, deren Dasein sich über einen langen Zeitraum entwickelt hat – angefangen mit dem ersten Album, das um 2003 erschien. Die Melodie stand zwar schon immer im Fokus unserer Musik, nichtsdestotrotz experimentierten wir über die Jahre auch stets mit anderen Sounds. Wie du weißt, habe ich bisher vier Platten mit OG aufgenommen und wenn ich die erste, an der ich mitwirkte, mit der letzten vergleiche, erkennt man einen wirklich großen Unterschied. Melodietechnisch ist jedoch eine Verbindung zwischen diesen beiden Alben erkennbar.

Markus: Ja, und auch wenn man unser Debüt mit dem neuesten Album vergleicht, gibt es eine große Differenz. Wenn man jedoch alle Alben der Reihe nach anhört, zeigt sich mit jeder Platte die schrittweise Entwicklung in jene Richtung, wie wir heute klingen. Grundsätzlich ist so eine Frage immer schwer zu beantworten, wenn man selbst in der Kiste sitzt … das betrifft auch das neue Album. In zwei Jahren können wir vielleicht eine realistische Einschätzung zu „Beyond“ abgeben. Eine neue Platte ist natürlich immer „das beste Album“, „das melodischste Album“, „das härteste Album“ und „das variationsreichste Album“, das eine Band je gemacht hat …

NEGAtief: Bands müssen das einfach aus kommerziellen Gründen sagen… [Gelächter]

Markus: Yeah.

Jukka: Aber bis zu einem gewissen Grad steckt Wahrheit dahinter, denn ich möchte daran glauben, dass Musiker natürlich immer versuchen, etwas Neues mit ihrer Musik zu kreieren. Natürlich klappt das nicht immer, aber gerade in der Metal-Szene trifft dies zu. Metal, so beliebt diese Musik auch sein mag, ist noch immer „underground“ – weltweit. Es gab Zeiten, da hat sich Metal richtig gut verkauft, aber eigentlich kann man immer noch sagen, dass rund 90 Prozent aus diesem Bereich „underground“ sind. Irgendwie ist das auch gut, denn gerade das hält die Dinge frisch.

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NEGAtief: Omnium Gatherum wurde 1996 von dir, Markus, geründet. Handelt es sich trotzdem um eine demokratische Band oder bist du der Boss?

Markus: Ich denke, so sagt es stets unser Gitarrist Joonas, dass die Band niemals demokratisch ist, aber wir führen immer gute und lange Diskussionen. Ich habe die Band 1996 gegründet; damals war ich in der 8. Klasse und gerade mal 15 Jahre alt, deshalb konnte man das Projekt zu jener Zeit nicht wirklich ernst nehmen. [lacht] Die ersten Demos gaben einfach nur das Zusammenspiel von ein paar Freunden wider – nun gut, so ist es eigentlich auch noch heute, aber nun ist die Musik … naja, sie ist nicht ernster [Gelächter], aber wir wissen zumindest mittlerweile, was wir da tun und was wir wollen. Und es gibt einen roten Faden in unserer Musik.

Jukka: Um nochmals auf die Demokratie im Allgemeinen zurück zu kommen: Wir führen stets lange Dialoge bezüglich der Songs. Meist haben ein oder zwei Personen eine bestimmte Vision. Und eigentlich ist es eine gute Sache, wenn sich die Band bis zu einem gewissen Grad auf diese Vision stützen kann. Und wenn uns irgendetwas stört, sagen wir es uns gegenseitig – zumindest im betrunkenen Zustand. [Gelächter] Nein, wir sprechen wirklich miteinander, wenn uns Dinge nicht in den Kram passen. Entscheidungen werden zwar nicht immer demokratisch getroffen, aber die Band als eine Einheit ist demokratisch. Markus ist der Boss der Band, nichtsdestotrotz spielt die Demokratie eine große Rolle bei der Entscheidungsfindung.

Markus: Ich mag vielleicht der Bandchef sein, aber Jukka kümmert sich zum Beispiel um alle Songtexte und da darf ich mich nicht einmischen. Ich möchte das auch gar nicht. Aber wenn Jukka damit beginnen würde, über Fußball oder Comedy zu singen, dann würde ich gegebenenfalls eingreifen. [Gelächter]

Jukka: Ich würde gerne mal über die Formel 1 singen …

NEGAtief: Das wäre echt mal innovativ …

Jukka: Und dennoch entscheiden wir, welche Stellung die beste für jedes Bandmitglied im Einzelnen ist. Joonas zum Beispiel, unser anderer Gitarrist, hat noch die Band Malpractice, bei der er fast alles selbst macht – die Lyrics inbegriffen. Mit ihm habe ich schon textlich kooperiert. Wenn man also Hilfe von irgendjemandem braucht, kann man einfach direkt die richtige Person fragen. Hier steckt also die Demokratie.

Markus: Das ist lustig, da du grade Malpractice erwähnst, die im Grunde Joonas’ Band ist – aber ich spiele auch in Malpractice. Joonas ist dort der Bandchef und ich bin nur ein Diener. In Omnium Gatherum ist es genau andersherum. Eine Band muss immer jemanden haben, der die Fäden in der Hand hält.

NEGAtief: Wie kommt ein OG-Song normalerweise zustande? Wer beginnt mit dem ersten Riff?

Jukka: Das kommt natürlich ganz darauf an, denn wir haben viele Musiker in der Gruppe. Markus schreibt einen Großteil der Musik, Joonas trägt aber auch dazu bei, ich habe ebenso ein paar Ideen und dann schicken wir uns das Material per E-Mail zu. Wir diskutieren darüber und beginnen gegebenenfalls mit Demo-Aufnahmen. Es wird also erst einmal gebrainstormt, aber ich respektiere den Fakt, dass irgendjemand eine generelle Idee hervorbringt und wir dieser folgen, etwas hinzufügen oder weglassen … am Ende sind gut 80 Prozent des Songs von der Person mit der Ursprungsidee und 20 Prozent kommen produktionstechnisch vom Rest.

Markus: Da ich mittlerweile auch bei Insomnium spiele, respektiere ich natürlich auch, dass dort Ville der musikalische Boss ist, aber ich trage ebenso zum Songwriting bei …

NEGAtief: Wenn du damit beginnst, eine Melodie, einen Riff oder gar einen kompletten Song zu schreiben, weißt du dann schon direkt, ob er für Omnium Gatherum, Insomnium oder Malpractice ist?

Markus: Da blicke ich nicht mehr durch. [lacht] Um ehrlich zu sein, sollte einer der neuesten Omnium-Gatherum-Songs ursprünglich für Insomnium sein, aber nachdem ich zwei Riffs kreiert hatte, entschied ich, dass der Song für OG ist. Das ist generell ein großes Durcheinander mit dem Songwriting! Gestern gab es beispielsweise eine lustige Situation: Mit Insomnium hatten wir einen Gig in Deutschland und ich sprach mit Michael Amott von Arch Enemy. Er zeigte uns, Insomnium, jede Menge Respekt. Er hatte zwar nicht den Auftritt gesehen, sprach aber über Insomnium und dass unsere alten Album doch so anders seien, so metallisch, und nun würden wir mehr melodische Songs kreieren. Die anderen Insomnium-Jungs waren ein wenig verwirrt. Und dann sagte Michael: „Vor gut zwei Jahren haben wir zusammen eine Show in Helsinki gespielt.“ Und ich sagte daraufhin: „Nein, ihr habt mit meiner anderen Band gespielt, die einen ähnlichen Namen hat: Omnium Gatherum.“ Dann sagte Michael: „Ach ja, dann war es DIE Band!“ [Gelächter] Es ist wirklich ein seltsames Schicksal, Teil zweier Bands zu sein, die einen ähnlichen Namen haben.

NEGAtief: Wie bekommst du sämtliche Auftritte, Termine usw. mit allen Bands unter einen Hut?

Markus: Ich habe keine Ahnung. [lacht]

NEGAtief: Hast du „nebenbei“ noch einen anderen Job?

Markus: Ja, ich arbeite momentan als Gitarrenlehrer, wenn ich nicht auf Tour bin. Das ist ein großes Durcheinander, aber irgendwie funktioniert’s.

NEGAtief: Was ist mit dir, Jukka?

Jukka: Ja, ich arbeite auch. Ich unterrichte und ich kümmere mich um Menschen, die mentale Probleme haben. Auf die Musik bezogen bin ich nur Teil von Omnium Gatherum und habe noch eigene Projekte. Ich hatte mal eine andere Metal-Band, aber wir lösten uns 2009 auf. Für mich ist es eine gute Sache, nur in einer Band zu spielen.

NEGAtief: Es ist auf jeden Fall entspannter …

Jukka: Ja. Das bevorzuge ich auch. Ich mache meine eigene Musik … und bin bei OG. Aber ich mag auch meinen Tagesjob. Ich würde niemals die Musik darüber stellen, denn beide Jobs sind jeweils ein wichtiger Teil in meinem Leben.

NEGAtief: Hört ihr euch eigentlich jene Musikrichtung, die ihr selbst macht, auch privat daheim an?

Jukka: Manchmal, ja, aber ich höre im Grunde alles, was gut gemacht und gut gespielt ist …

NEGAtief: Du auch, Markus?

Markus: Ich höre eine wirklich große Bandbreite an Musik – von Frank Sinatra bis hin zu Emperor. Natürlich immer nur gute Musik. In Teenager-Zeiten war das noch nicht so. Da habe ich nur Extrem-Metal gehört.

NEGAtief: Heute bist du also offener, was die Musik anbelangt?

Markus: Definitiv.

Jukka: Das muss man natürlich auch. Nun ja, man könnte im Metal-Genre bleiben, in dem man spielt, und alles ist gut. Aber wenn dir das eben nicht reicht, warum zur Hölle sollte man Angst davor haben, auch mal andere Musik zu hören? Musik ist Musik, es sind im Grunde nur Noten.

Markus: Eigentlich ist es ja auch nur ein kurzer Moment, in dem man mal ganz andere Musik hört und sich von ihr beeinflussen lässt. Es wäre ziemlich langweilig, wenn viele Melodic-Death-Metal-Bands sagen würden, ihre musikalischen Einflüsse kämen von In Flames, Soilwork … nun, das kann man dann hören. Es ist, als würden sie immer wieder das gleiche kopieren. Aus diesem Grund ist es besser, wenn man auch mal einen Frank-Sinatra-Moment im Melodic Death Metal hat – das macht den Sound einzigartiger.

NEGAtief: Auf welche anderen Inspirationsquellen greifst du zurück?

Markus: Für gewöhnlich auf den Gemütszustand.

Jukka: Wie ich es in vielen Interviews sage, befindet sich die Inspiration überall um einen herum. Es gibt da einfach keinen bestimmten Weg, zumindest ist das bei mir so, um an Inspiration zu gelangen.

NEGAtief: Es ist also das Leben an sich?

Jukka: Ja! Ich weiß, das ist ein Standardkommentar, aber es ist einfach so. In den Songtexten gibt es stets eine Fortsetzung, aber sie ist weder düster noch hell. Meist ist es irgendwas dazwischen.

NEGAtief: Schreibt ihr derzeit schon an neuem Material für Omnium Gatherum?

Markus: Ja, wir haben erst kürzlich damit begonnen, an neuen Ideen zu werkeln. Wir hatten auch schon unsere ersten Proben mit den neuen Songs. Der Prozess ist also im Gange.

NEGAtief: Wird das Album nächstes Jahr erscheinen?

Markus: Ja, so haben wir es geplant. Aber wir gehen die ganze Sache entspannt an. Kein Druck lastet auf uns. Das Album ist dann fertig, wenn es eben fertig ist. Und das ist dann der Fall, wenn es gut ist. Wir sind eben so egoistisch, da wir nichts mehr in Eile erledigen wollen.

NEGAtief: Wie macht ihr das mit den Bandproben? Trefft ihr euch regelmäßig?

Jukka: Nein, denn alle Bandmitglieder wohnen irgendwo verteilt in Finnland. Wir müssen also immer gut planen, da jeder sein Privatleben hat. Manchmal treffen wir uns an den Wochenenden.

NEGAtief: Wie viele Gitarren hast du eigentlich, Markus, und welche ist dein Favorit?

Markus: Zu viele, um sie alle zu erwähnen. [lacht] Momentan sind es vielleicht 17. Aber meine Lieblingsgitarre ist meine erste Randy Rhoads – die Weiße mit dem schwarzen Gitarrenpart. Die wirst du auch heute zu Gesicht bekommen, da ich sie immer bei Omnium-Gatherum-Auftritten spiele. Sie ist mein Baby!

NEGAtief: Warum ist sie so toll?

Markus: Es ist einfach eine gute Gitarre und ich spiele sie schon seit Jahren. Je öfter du eine Gitarre spielst, desto besser klingt sie. Aber natürlich wird sie auch eines Tages mal zu Bruch gehen …

NEGAtief: Greifst du jeden Tag zur Gitarre?

Markus: Nein. Manchmal spiele ich viele, viele Stunden an einem Tag und manchmal auch tagelang gar nicht.

NEGAtief: Habt ihr noch andere Hobbies neben der Musik?

Jukka: Joggen. Heute noch bin ich beim Soundcheck total stolz zu Markus hin und erzählte ihm, dass ich am Vortag sechs Kilometer gelaufen sei. Aber er sagte nur: „Vor ein paar Tagen bin ich auch so weit gelaufen!“ [Gelächter]

Markus: Das war mein erster Rekord auf die Zeit bezogen. Wenn man alt wird, nun ja, wir sind einfach keine 20 mehr, muss man sich eben ein wenig sportlich betätigen.

Jukka: Wenn ich joggen gehe, lasse ich einfach alles hinter mir zurück. Man rennt vor Dingen weg, das Ganze ist also befreiend!

Markus: Ich bin eine Art Adrenalin-Junkie. Den Kick bekomme ich, wenn ich auf der Bühne stehe und Konzerte spiele; das gleiche trifft auch auf sportliche Aktivitäten zu. Ohne wäre es auch langweilig.

NEGAtief: Du bist also ein Action-Typ? Hast du jemals so etwas wie Bungee-Jumping ausprobiert?

Markus: Noch nicht, aber ich würd’s tun!

NEGAtief: Was können wir vom heutigen OG-Auftritt hier im Virgin Oil Co. erwarten?

Jukka: Jede Menge Headbanging und Metal. Hier spielen heute Abend drei gute Bands, wobei wir als letztes die Bühne entern. Rämlord ist ein recht neues Projekt und hinter Medeia verbirgt sich auch eine gute Metal-Band aus Finnland, mit der wir auch schon außerhalb unserer Heimat getourt sind.

Markus: Dich erwarten heute eine gute Zeit und sehr viel Schweiß. Wir sind nicht jene Art von Band, die sich auf der Bühne melancholisch gibt. Du wirst also fröhliche Gesichter sehen, die dafür melancholische Musik spielen – das ist paradox.

Jukka: …aber es wird sehr spät. Wir sind nämlich erst um 00:30 Uhr dran.

Markus: Es handelt sich um eine Tuska-Festival-After-Party, deshalb wird’s so spät. Und ich weiß noch nicht einmal, ob das Publikum dann noch wach ist. Wir werden sehen … und zur Not wecken wir die Leute wieder auf!

NEGAtief: Wie würdest du den Satz „Musik ist…“ vollenden?

Markus: Musik ist Licht für mich.

Interview & Fotos: Lea Sommerhäuser

www.omniumgatherum.org

6 Juli 2014

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