Santa Cruz – „Musik ist gut, wenn sie von Herzen kommt“

Santa Cruz – „Musik ist gut, wenn sie von Herzen kommt“

Hinter Santa Cruz verbirgt sich nicht nur eine Stadt in Kalifornien, sondern auch eine junge Hard-Rock-/Heavy-Metal-Band aus Finnland, die 2013 ihr Debüt „Screaming For Adrenaline“ veröffentlichte und erst kürzlich durch Deutschland tourte. NEGAtief traf die vier Jungs – Archie (Gesang, Gitarre), Johnny (Gitarre), Middy (Bass) und Taz (Drums) – am 26. Juni 2014 in Helsinki zu einem Interview. Lest hier, welche kuriosen Erfahrungen das Quartett in Deutschland gesammelt hat, was die Jungs vor Auftritten nervös macht und was ihnen den größten Adrenalinkick gibt.

NEGAtief: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, um ein wenig mit NEGAtief in Helsinkis Mbar zu plaudern. Kürzlich ward ihr noch auf Deutschland-Tour. Welche Erfahrungen und Erinnerungen habt ihr von dort mit nach Hause gebracht?

Archie: Eine verrückte Sache war dieses Bier „Faxe“: 1 Liter mit 10 Prozent. Mir ist dieses Bier zum ersten Mal in Deutschland untergekommen, deshalb würde ich es als „deutsche Erfahrung“ bezeichnen. Und hast du schon mal was von „Travel Pussi“ gehört? Wir entdeckten dieses Ding an jeder Tankstelle. Aus Neugier haben wir es ausprobiert. Du musst es mit Wasser füllen und kannst auch noch eine Lotion dazugeben, damit es gut riecht. Hast du das getestet? [schaut zu Taz]

Taz: Vielleicht, vielleicht auch nicht. [Gelächter]

NEGAtief: Wie ich auf Facebook gesehen habe, ward ihr auch in meiner Heimatstadt Köln, denn es existiert ein Foto, auf dem ihr vor dem Dom posiert…

Archie: Wir hatten keinen Auftritt in Köln, sind aber in die Stadt, um uns jene Kirche anzuschauen. Sie ist wunderschön. Danach sind wir rüber in einen Park, um ein wenig zu chillen. Doch auf einmal sah ich eine riesige, schwarze Wolke auf der anderen Flussseite. Dann begann es zu Stürmen und erste kleine Steinchen flogen mir ins Gesicht. So beschlossen wir, rasch den Park zu verlassen…

NEGAtief: Ja, ich erinnere mich, wir hatten einen ziemlich üblen Sturm an Pfingstmontag. Ward ihr auch oben auf dem Dom drauf?

Santa Cruz: Nein, beim nächsten Mal holen wir das nach.

NEGAtief: Wie habt ihr Mittsommer verbracht?

Archie: Wir hatten einen Gig. Den Juhannus-Abend verbrachte ich mit meiner Familie, da ich sie eine Zeit lang nicht gesehen habe. Wir grillten und tranken jede Menge Bier. Am nächsten Tag fand dann die Show auf dem Nummirock statt.

NEGAtief: Lebt ihr alle hier in Helsinki?

Santa Cruz: Ja.

NEGAtief: Der Bandname Santa Cruz klingt in meinen Ohren wie Sommer, Sonnenschein und gute Laune. Kommt dieses Feeling auch in eurem Sound rüber?

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Johnny: Besonders in den Liveshows…

Archie: Wir haben eine gute Zeit und lachen sehr viel. Wir genießen alles und das kann man auch sehen, wenn wir live spielen. Wir sind schließlich nicht da, um böse Gesichter zu zeigen, sondern eine Party zu feiern. Im Tourbus haben wir auch immer Spaß…

Middy: Viele Bands spielen eine Rolle, wenn man das so sagen kann. Sie tun so, als hätten sie Spaß. Wenn wir allerdings eine gute Zeit auf der Bühne hatten, fürchten wir uns nicht davor, dies auch zu zeigen.

NEGAtief: Wann habt ihr beschlossen, Musiker zu werden und Santa Cruz zu gründen?

Archie: Das dürfte zu der Zeit gewesen sein, als ich das erste Mal Songs wie „Paranoid“ oder „Run To The Hills“ hörte – die haben mich förmlich erschlagen und ich wusste, dass Iron Maiden ihren Sound mit Gitarren kreieren. Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich Musiker werde.

Johnny: Die Band habe ich zusammen mit Archie im Jahr 2007 gegründet. Irgendwie musste dies so kommen, da wir die gleiche Leidenschaft teilen. Dann stießen wir noch auf diese beiden Herren [zeigt auf Middy und Taz], die sich uns anschlossen.

NEGAtief: Kennt ihr euch aus der Nachbarschaft oder Schule?

Santa Cruz: Wir leben alle hier in Helsinki und Umgebung…

Archie: Ich erinnere mich, wie ich Johnny das erste Mal sah und er diese Weste trug, auf deren Rückseite ein riesiger W.A.S.P.-Patch prangte, und ich war ein großer W.A.S.P.-Fan…

Johnny: Eigentlich waren es Mötley Crüe…

Archie: Nee, ich glaube es waren W.A.S.P.

Johnny: Ich hatte lediglich ein W.A.S.P.-T-Shirt!

NEGAtief: Wie auch immer! [Gelächter]

Archie: Nun, ich sagte zu ihm: „Hei, wer bist denn du? Kannst du ein Instrument spielen?“ Dann hörte ich ihn Gitarre spielen und dachte: „Yeah, dieser Typ kann spielen.“ Wir sind zwar beide Gitarristen, aber als wir die Band starteten, beschlossen wir, dass ich zusätzlich das Singen übernehme. Denn ich bin eher so ein Arschloch-Typ, wozu Sänger grundsätzlich neigen [lacht]. Nee, ich mache nur Spaß! Ich habe auch schon vor Santa Cruz gesungen, von daher war’s für mich nix Neues…

NEGAtief: Hast du das Singen professionell gelernt oder dir alles selbst beigebracht?

Archie: Ich hatte mal ein paar Gesangsstunden, aber das meiste habe ich mir durch die Liveshows angeeignet. Es hat viele Jahre gebraucht und ich war anfangs sehr frustriert. Ich kann mich noch erinnern, wie ich meinen Gesang unter der Dusche aufgenommen habe. Als ich mir das Ganze dann anhörte, wurde ich sehr wütend und fragte mich, warum meine Stimme so verdammt schlecht klingt. [Gelächter] Mir war einfach nicht klar, dass man das Singen erst einmal jahrelang üben muss, um besser zu werden. Das Gitarrenspielen habe ich sehr viel schneller erlernt – es fiel mir irgendwie leichter.

NEGAtief: Wie kommt ein Santa-Cruz-Song für gewöhnlich zustande? Wer beginnt mit dem ersten Riff?

Archie: Die Songs entstehen immer stückweise. Nehmen wir das Beispiel „Wasted’n’Wounded“; dahinter verbirgt sich unsere neue Single, die noch nicht veröffentlicht ist. Johnny steuerte das erste Riffing als Basisstruktur bei. Ich fügte dann eine Melodie hinzu und schrieb den Refrain des Songs. Dann kam mir eine Melodie für die Strophen in den Sinn.

Johnny: Die Demo des Songs war fertig, aber der Refrain war noch nicht gut genug. Dann erinnerte ich mich an eine alte Melodie von Archie, die wir bereits für unser erstes Album aufgenommen hatten. Sie war verdammt gut und somit haben wir sie einfach für jenen Song verwendet. Als wir schließlich auf UK-Tour waren, fiel uns noch ein passender Titel ein.

Archie: Das war irgendwann morgens, der Morgen nach der Hölle. Wir hatten eine verrückte Party dort drüben…

Middy: Aus diesem Grund heißt die Single „Wasted’n’Wounded“. [Gelächter]

Archie: Und der Song „We Are The Ones To Fall“ entstand beispielsweise wie folgt: Es existiert ein gewisses Video von mir in Rom. Ich lief dort am Flussufer entlang, als plötzlich diese Melodie in meinem Kopf auftauchte. Daraufhin nahm ich mein iPad und drehte von mir ein Video, während ich sang. Das Video zeigte ich später Johnny und meinte zu ihm: „Dies sind ein paar coole Vibes, viel dunkler und mystischer als unser alter Kram.“ Er dachte sich dann einen passenden, schweren Riff dazu aus und wir legten die Struktur des Songs fest.

Johnny: Es ist das erste Mal, dass wir etwas genau nach unseren Vorstellungen erschaffen haben. Archie und ich waren allein im Studio, nahmen die Vocals auf und werkelten noch am Refrain herum…

Archie: Die erste Version haben wir in eine melodischere Variante umgewandelt. Zunächst klang sie so… [beginnt den Refrain zu singen]. Dann waren wir im Studio, nun ja, ich weiß nicht mehr genau, wie alles zustande kam, aber ich glaube, wir saßen auf dem Sofa, ich spielte Gitarre und fragte, was wir mit diesem Part machen sollen…irgendwie klang ich ein wenig wie Jared Leto.

NEGAtief: Letztes Jahr habt ihr euer Debüt-Album „Screaming For Adrenaline“ veröffentlicht. Welche Dinge lassen euren Adrenalinspiegel so richtig ansteigen?

Archie: Konzerte, definitiv Konzerte, Sex und Saufen. [Gelächter] Nun ja, Heuchelei ist schlimmer als Ehrlichkeit. Aber es sind mit Sicherheit die Konzerte – und einmal habe ich Bungee-Jumping ausprobiert, was der bisher größte Kick in meinem Leben war. Ich habe mich noch niemals so lebendig gefühlt! Und letzten Samstag beim Nummirock kletterte ich die Bühnenkonstruktion hoch…

NEGAtief: Inwieweit arbeitet ihr bereits an neuen Songs für das nächste Album?

Archie: Wir haben bereits gut die Hälfte aufgenommen und gehen bald wieder ins Studio. [Gelächter]

NEGAtief: Steht bereits ein Titel für das Album fest?

Archie: Nein, noch nichts konkretes. Normalerweise denken wir immer sehr lange darüber nach und kommen mit allen möglichen Vorschlägen daher. Am Ende taucht der Titel wie aus dem Nichts auf, dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

NEGAtief: Morgen werdet ihr hier in Helsinki auf dem Tuska-Festival spielen. Wir passen Santa Cruz mit all den Metal-Bands zusammen?

Archie: Wir rocken einfach härter als jede andere Band. [Gelächter] Okay, es spielen einige gute Bands auf dem Festival… Heavy-Metal-Fans sind auf der Suche nach dem wahren Adrenalinkick und verdammt aggressiven Liveshows, aber nicht gerade viele Metal-Bands kommen dem nach. Ich glaube, dass sogar Extreme-Metalheads unsere Band lieben werden.

Johnny: Als wir auf dem Nummirock mit all seiner Hardcore-Musik spielten, waren da auch ein paar düstere Gestalten, die „Yeah!“ gerufen haben.

Middy: Wir gaben dort eine Autogrammstunde im Zelt und es kam tatsächlich ein Typ mit Emperor-Shirt zu uns und wollte ein Autogramm haben. Musik ist gut, wenn sie von Herzen kommt – auch im Black Metal. Der ist auch Rock’n’Roll, klingt nur eben anders. Ich glaube, Metal-Leute sind aufgeschlossen.

Archie: Letztlich sind wir ja auch eine Metal-Band. Ich kenne viele Leute, die Hanoi Rocks und Dimmu Borgir hören. Hanoi Rocks ist eine wahre Rock’n’Roll-Band und, okay, Dimmu Borgir sind jetzt nicht so gut, aber Mayhem zum Beispiel. Alles haben die gleiche Attitüde.

Johnny: Der Drumbeat eines Songs auf unserem ersten Album, „Nothing Compares To You“ heißt das Stück, ist tatsächlich von Dimmu Borgir inspiriert.

Middy: Kannst du das glauben? Der softeste Song auf dem Album inspiriert von Dimmu Borgir! [Gelächter]

Archie: Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass es so war…

NEGAtief: Was können wir denn von eurer Show morgen erwarten?

Archie: Feuer! Euch erwartet eine komplette Rock’n’Roll-Show. 45 Minuten mit uns vier Jungs, die alles geben, als wären es die letzten 45 Minuten ihres Lebens – obendrauf dann noch die Pyros, schnelle Gitarren und ich, der zum Dach hochklettern wird…kommt einfach vorbei und schaut zu!

NEGAtief: Seid ihr noch jedes Mal nervös, wenn es auf die Bühne geht?

Archie: Ich bin stets ein bisschen aufgeregt, aber nicht nervös. Nervös zu sein, bedeutet für mich, Angst vor der Bühne zu haben. Aufregung ist mehr ein „Yeah, los geht’s!“.

Johnny: Wenn man vor einer Show nervös ist, legt sich das in jenem Moment, in dem man die Bühne betritt.

Middy: Das einzige, was mich nervös macht, ist meine technische Ausrüstung. Mein Amp ist eher billig und gibt hin und wieder den Geist auf. Es sind also die technischen Dinge, die mich nervös machen. Sobald ich aber auf der Bühne bin und einen Sound höre, ist alles gut.

Archie: Mich macht auch eine Sache nervös: Wenn wir zum Beispiel in Clubs mitten im Nirgendwo spielen und backstage auf den Showbeginn warten, wissen wir nie, ob überhaupt Zuschauer da sind. Man sieht sie ja in jenem Moment nicht. Aber unsere letzten Konzerte waren ziemlich gut besucht, von daher…

NEGAtief: Wie würdet ihr den Satz „Musik ist…“ vollenden?

Archie: …scheiße. [Gelächter]

Taz: …Rock’n’Roll.

Johnny: …Licht.

Middy: …das schlimmste, was du in deinem Leben machen kannst. [Gelächter]

Archie: Musik ist cool, sie ist nicht scheiße. Sie ist spannend und legendär.

 

Interview & Fotos: Lea Sommerhäuser

 

www.santacruz.fi

9 Juli 2014

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