Stumpff – Kein Zynismus, blanke Realität

Stumpff – Kein Zynismus, blanke Realität

Wer Stumpff oberflächlich betrachtet, bekommt mitunter Angst – Zynisch und verbittert, bisweilen wütend setzt sich der Pionier des EBM in den sozialen Netzwerken in Szene. Auch sein neues Werk „Alles Idioten“ macht da keine Ausnahme. Dabei ist Tommi Stumpff im Interview ein tiefgründiger Grübler, Verfechter der Meinungsfreiheit und Tierfreund.

Lange hat es gedauert, wohl bald zwei Jahrzehnte bis Dein neues Werk erscheint. Was hat dich in dieser langen Zeit geprägt? Gab es neue Stile und Vorkommnisse, die dazu geführt haben, endlich wieder aktiv zu werden?

In den Jahren nach der Beendigung meiner Musikkarriere habe ich mich komplett von der Musikszene zurückgezogen und auch privat nur noch wenig Musik gehört. In der Zeit bin ich in meiner Arbeit als Informatiker voll aufgegangen.

Neue Stile sind mir nicht begegnet. Allerdings haben mich drei Bands, Killing Joke, Motörhead und Front 242, deren Konzerte ich besuchte, sehr beeindruckt und das hat mich davon überzeugt, es auch als alter Mann nochmal zu versuchen.

Wie lange hast Du an dem neuen Album gearbeitet? Wer hat Dich unterstützt?

Bis der neue Sound meinen Vorstellungen entsprach, vergingen fast 4 Jahre. Ich war mit dem Ergebnis der Aufnahmen einfach nie zufrieden. Das hat sich erst geändert, als Sam H. Hunt mit seiner Barriton-Gitarre und seinem energetischen Spiel zu uns stieß und festes Mitglied der Band wurde.

An den Aufnahmen haben Marcel P. (Produzent / Dungeon Studio Rhenania) und Estella Plunkett (Background) mitgewirkt. Bei Marcel P. habe ich dann auch für die CD The Phoenix-Swarm seines Projektes Miel Noir die Gitarre bei 2 Stücken eingespielt. Das war das erste Mal, dass ich eine Kooperation mit anderen Musikern eingegangen bin.

Ebenso wichtig war die Zusammenarbeit mit Bruno Kramm (Das Ich) der mir mit seinem Know How zur Seite steht. Nach so langer Zeit hat sich im Musikbusiness vieles verändert und seine Expertise ist sehr wertvoll für mich.

Und nicht zu vergessen Kirsten Vuillot, Managerin und Labelchefin.

Wie schon immer, ist das Werk voller Zynismus und extrem provokant. Altersmilde gibt es bei Dir nicht?

Mich stimmen eigentlich nur ein paar Bierchen in netter Gesellschaft milde. Ich habe nahtlos gewechselt vom „angry young man“ zum „bösen alten Mann“. Offensichtlich eine Frage der Persönlichkeit und nicht des Alters. Mich interessieren nun mal die Abgründe der menschlichen Seele und das Verhalten von Menschen in Extremsituationen. Tod und Verderben sind ein fruchtbares Feld, auf dem viele Songs entstehen.

Der Titeltrack „Alles Idioten“ mit dem Bild der Erde grenzt quasi wirklich alle ein. Hast Du die Hoffnung in die Menschheit verloren? Wie lebt es sich im privaten Umfeld mit soviel Zynismus?

Ich schließe Keinen aus, auch mich nicht. Wir als Spezies sind nun mal alles Idioten. Das ist kein Zynismus sondern die blanke Realität. Wenn es Gründe zur Hoffnung geben sollte, sind sie mir noch nicht begegnet.
In meinem privaten Umfeld denken viele ähnlich, daher kommt es dort nicht zu Konfrontationen. Natürlich begegne ich Leuten, die sich von mir provoziert fühlen, aber das ist mir doch egal. Ich habe immer nach meinen Überzeugungen gelebt und habe kein Blatt vor den Mund genommen, um meine Ansichten zu vertreten. Als Ur-Liberaler und glühender Vertreter der Meinungsfreiheit, akzeptiere ich jede Idee, so verblödet sie auch sein mag.

Auf der anderen Seite kann man in Social Networks auch immer wieder den Tierlieben Tommi Stumpff entdecken. Sind Tiere die besseren Menschen?

Ich mag Katzen, Hasen, Kühe und Esel und ich liebe es sie zu beobachten, das erweicht mein altes, verbittertes, kaltes Herz. 🙂 Aber Tiere sind nicht die besseren Menschen für mich, sie sind nur netter.

Wie sieht die aktuelle Besetzung aus? Es gab ja in den letzten Jahren bei der Livebesetzung immer wieder Wechsel? Verschleisst ihr Eure Mitmusiker?

Der Keyboarder, Maschinist und Sänger Rüdiger Schuster, eine alte Industrial Legende, ist von Anfang an dabei.
Zwischendurch war ich besessen von der Idee, die 2. Gitarre mit einer Frau zu besetzen. Doch das hat nicht funktioniert.

Bei STUMPFF zu spielen ist ein harter Job, er erfordert viel Disziplin. Nicht jeder wird den Ansprüchen gerecht.
Letztendlich ist nun Sam H. Hunt, ein gebürtiger Amerikaner aus Hamburg, dabei. Das passt und damit ist der Sound auch komplett.


Als Enfant terrible hast Du Dich ja immer wieder mit Kollegen angelegt. Gibt es auch Bands mit denen Du ein freundschaftliches Verhältnis pflegst?

Ich kann es nicht jedem Trottel recht machen und es kam immer wieder vor, dass mich Kollegen attackiert haben. Aber man muss festhalten, dass ich eine Auseinandersetzung nie angefangen habe sondern nur reagiere. Das ist auf Facebook nicht anders als im echten Leben. Ich gehe keiner Konfrontation aus dem Weg, auch heute nicht.

Gut verstanden habe ich mich aber z.B. mit Projekt Pitchfork, Armageddon Dildos, The Fair Sex und DAS ICH.
Heute bin ich gut befreundet mit MDS 51, eine Industrialband aus dem Osten. Nicht nur großartige Musiker sondern auch wirkliche Freunde! MDS 51 haben 2015 das erste Konzert mit STUMPFF in Hettstedt veranstaltet, das war ein großartiger Abend.

EBM ist ja mittlerweile ein reichlich altes Genre. Ist der Crossover mit Rock und Metal die einzige Möglichkeit für dieses Genre, mit neuen Impulsen wieder belebt zu werden?

Also, klares Nein. Es gibt viele Möglichkeiten EBM zu verändern bzw. zu aktualisieren. Der DJ-Ötzi-Beat ist ja sozusagen eine Weiterentwicklung des EBM. 🙂 Ich bin aber der Meinung, dass ein Teil des heutigen EBM ein Rückschritt ist, und sich nicht weiterentwickelt.

Meine Methode ist es, elektronische Klänge mit Metal zu verbinden. Der jetzige Sound ist das, was ich selber gerne höre.

Du bist ein Pionier des Genres, hast Dich aber immer gegen Schubladen gewehrt. Kannst Du verstehen, wenn Menschen Dich einfach für Deine EBM Pioniertaten schätzen?

Ja, selbstverständlich und ich bin dankbar dafür. Ich selbst bin ja stolz auf ja meine alten Platten. Genau genommen müsste man für jedes meiner Alben eine neue Schublade öffnen. Ich bin also quasi eine Musikkommode. 🙂
Aber ich bin eben sehr schnell gelangweilt und dann muss wieder was Neues her. Für mich ein ganz normaler Prozess.

Wie stehst Du heute zu Deinen alten Werken? Was hat sich im Produktionsprozess für Dich grundlegend geändert?

Ich stehe zu 100% hinter allen Platten, die ich raus gebracht habe. Einige meiner alten Stücke sind mir besonders gelungen, wie z.B. Die Sonne (Trivial Schock) und La Lueur (Terror II). Wir spielen live auch immer jede Menge alte Songs.

Die wichtigste Veränderung ist: Ich habe keinen einzigen Hardware Synthesizer mehr. Ich nutze nur noch Software Klangerzeuger und zwar unter Linux. Zusätzlich werden die 2 Gitarren nun im klassischen Verfahren mit aufgenommen. Am Aufnahmeverfahren der Vocals hat sich nichts geändert.

Wird Stumpff nach dieser Pandemie wieder auf den Bühnen zu sehen sein?

Das hoffe ich doch sehr. Live ist alles nochmal spektakulärer und agressiver. Sowohl für mich als auch für die Fans. Wir knüppeln reichlich und sind gnadenloser denn je.

11 Juli 2021

Kommentare sind geschlossen.