Substaat – Mächtig melodisch

Substaat – Mächtig melodisch

Mit ihrem ersten, selbstbetitelten Album wilderte die norwegische Electro-Formation Substaat noch in Old-School-EBM-Gefilden. Ihr Nachfolger, „Macht“, besticht nun durch einen wesentlich weicheren, eingängigeren Klang. Dabei sei dieser neue musikalische Einschlag gar nicht absichtlich entstanden, erklären Sänger Terje Vangbo und Tastenmann Jarle Hansen im Gespräch.

„Für uns fühlt sich dieser stilistische Wandel gar nicht so groß an“, gesteht Jarle. „Wenn wir uns ins Studio setzen, haben wir sowieso kein bestimmtes Genre im Kopf, dem wir unbedingt nacheifern müssen. Als wir unsere erste Platte einspielten, fassten wir vorher auch nicht einstimmig den Entschluss, dass es ein EBM-Werk werden sollte.“ Wurde es aber, und was für eins! Subbassig-rollende Sequenzen in Gedenken an Nitzer Ebb und Konsorten waren an der Tagesordnung auf dem Debütalbum. Mit „Catch Me“ gelang dem Trio sogar ein kleiner Club-Hit. Die beiden kreativen Köpfe machen vor allem ihren Mitstreiter Petter Norstøm für den knackigen Sound verantwortlich. Mittlerweile begleite Petter aufgrund seiner geringen Freizeit Substaat eher sporadisch, zähle aber immer noch zur Besetzung. „Solange er bei uns ist, werden wir keine andere Wahl haben, als pumpende EBM-Beats zu produzieren“, meint Terje scherzhaft. Gerade der Titelsong des zweiten Longplayers zeugt von dieser immer noch lodernden Leidenschaft für muskelbepackte Computerrhythmen.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin

Zu Beginn von „Macht“ deutet aber erst einmal nichts auf die bewährte EBM-Liebe hin. Stattdessen eröffnen Substaat ihre zweite Scheibe mit „Berlin“, einem Electro-Song, der im besten Sinne des Wortes „catchy“ ist. Entfernt erinnert er an den Gassenhauer „Neverending Dream“ der Band X-Perience. Jarle schmunzelt: „Natürlich kennen wir den Song, haben ihn aber nie mit ‚Berlin’ in Verbindung gebracht. Vielleicht sollten wir das tun?!“ Über die deutsche Hauptstadt zu singen, haben bereits einige Bands hinter sich gebracht. Auch die beiden Nordlichter sind dem Charme dieser Millionenmetropole verfallen. „Ich bin schon mindestens 15 Mal in Berlin gewesen“, schwärmt Terje. „Sei es nun zusammen mit Substaat oder einfach nur, um dort Urlaub zu machen. Früher war London meine europäische Lieblingshauptstadt. Mittlerweile ist es Berlin! Ich mag diese unterschiedlichen Atmosphären, die diese Stadt zu bieten hat. Außerdem gibt es immer etwas zu erleben. Glaub mir, ich habe einige lange Nächte dort verbracht.“

Deutsche Sprache, sexy Sprache

Ihre Begeisterung für die Bundesrepublik scheint permanent durch. Ein Teil des Bandnamens sowie der aktuelle Titelsong stammen ebenfalls aus unserem Vokabular – das mutet geradezu germanophil an. „Die deutsche Sprache ist eben sexy“, findet Jarle. „Außerdem klingt sie ähnlich wie unser Norwegisch. Wir können euch daher ganz gut verstehen – wenn ihr langsam mit uns sprecht.“ Terje hingegen erkennt auch den ökonomischen Nutzen, den deutsche Begriffe in der elektronischen Musikbranche in sich tragen. „Norwegen hat ungefähr fünf Millionen Einwohner. Der Markt für EBM und Electro ist dementsprechend klein. Deswegen richteten wir unsere Augen auch immer auf Deutschland. Als wir anfingen, haben wir uns Substate genannt, aber dieser Name war bereits durch eine andere Band besetzt. Und weil wir nicht viel daran ändern wollten, haben wir den deutschen Ausdruck für ‚state’ genommen.“

Der Albumtitel regt den Hörer zum Assoziieren an. Der Grund, warum „Macht“ zum Namen des zweiten Albums wurde, ist hingegen fast profan. „Es war einfach unser Arbeitstitel, den wir dann schließlich beibehalten haben“, klärt Jarle auf. „Als es darum ging, für unser Baby den geeigneten Titel zu finden, tauchte dieses Wort immer und immer wieder auf. Wir waren zwar zunächst skeptisch, dass es einen falschen Eindruck beim Hörer erwecken würde. Uns wurde aber schließlich klar, dass es der einzig richtige Titel ist.“

Tradition verpflichtet!

Dass es Substaat zu einem glanzvollen norwegischen Exportartikel schaffen können, steht außer Frage. Zumal ihr Land durchaus bekannt ist für hochqualitative elektronische Musik – man denke nur an Stephan Groth von Apoptygma Berzerk oder auch Andy LaPlegua, der mit seinen Projekten Icon Of Coil und Combichrist maßgeblichen Einfluss auf das Klangbild der Düster-Electro-Szene im 21. Jahrhundert genommen hat. Substaat haben diesen Status noch nicht erreicht, befinden sich aber auf dem besten Wege dorthin. Terjes Stimme jedenfalls erinnert an einen anderen großen Skandinavier: Eskil Simonsson von Covenant: „Dieser Vergleich schmeichelt mir natürlich sehr. Ich mag die Art und Weise, wie Eskil singt. Aber mich haben auch andere Sänger beeinflusst: Peter Murphy von Bauhaus, David Bowie und Philip Oakey von The Human League.“ An das Aha-Erlebnis mit Letztgenanntem erinnert sich der Substaat-Frontmann immer noch. „1982 kaufte ich das Album ‚Dare’ auf Kassette. Es war über eine geraume Zeit das Einzige, was ich gehört habe.“ Synthie-Pop bedeutete auch für Jarle alles in seiner Jugend. „Es ist natürlich auch ein Klischee, und Millionen anderen Menschen geht es genauso: Depeche Mode war die erste Band, die wirklich ‚zu mir redete’.“ Kaum verwunderlich also, dass Mesh, die britischen Electro-Popper der neuen Generation, die Jungs aus dem hohen Norden auf ihre letztjährige Tournee mitnahmen – und sich zusätzlich mit einem Remix von „Electric“ auf „Macht“ verewigten. Unterstützung von Seiten bekannter Acts ist ihnen also gewiss.

Erkenntnisgewinn

In den drei Jahren, die zwischen dem Erstling und seinem Nachfolger liegen, hat die Band nach Meinung von Jarle an Kontur gewonnen. „In der ganzen Zeit, die wir miteinander verbracht haben, konnten wir viel voneinander lernen.“ Und Lehren daraus ziehen. „Es wäre beispielsweise reine Talentverschwendung, Terje nur schreien und kantig singen zu lassen.“ Der Sänger hingegen bringt den Kern von „Macht“ auf seine Weise auf den Punkt. „Das Album spiegelt einfach Jarles und meinen musikalischen Background wider.“ Und dieser ist durchzogen von der Macht der Melodie.

Daniel Dreßler

www.substaat.com

31 Juli 2014

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