21. Tuska Open Air Metal Festival (29.06.-01.07.2018, Helsinki, Suvilahti) – Tag 1

21. Tuska Open Air Metal Festival (29.06.-01.07.2018, Helsinki, Suvilahti) – Tag 1

Vom 29. Juni bis 1. Juli 2018 lockte das 21. Tuska Open Air rund 34.000 Metal-Fans in Finnlands Hauptstadt Helsinki. Headliner in diesem Jahr waren die legendäre US-Band Body Count ft. Ice-T, die französischen Metaller Gojira sowie das australische Metalcore-Kraftpaket Parkway Drive.

Freitag, 29.06.2018:

Geöffnet wurden die Tore zum Festivalgelänge Suvilahti Punkt 13:00 Uhr und sogleich überflutete eine erste Welle überwiegend schwarzgekleideter Metal-Heads die großzügige Industriefläche mit ihren zwei Outdoor- sowie den beiden Indoor-Bühnen. Im Vergleich zum Vorjahr hatte sich bezüglich ihrer Lage nichts geändert – lediglich bei den Merch-, Fress- und Trinkbuden gab es die eine oder andere kleine Lageverschiebung. Und wie in Finnland so üblich, durfte nur in extra abgegrenzten „18+“-Bereichen Alkohol ausgeschenkt und konsumiert werden.

Die musikalische Eröffnung des Festivals übernahmen Baest aus Dänemark auf der mit Zeltkuppel überdachten Helsinki Stage: ziemlich fettes Death-Metal-Geknüppel, böse Growls und jede Menge Headbanging zeigten, wo der Hase auf dem Tuska in der Regel langläuft. Und obgleich es noch früh am Tage war, hatte sich bereits eine geraume Menge an Festivalbesuchern unter dem Zeltdach versammelt, um der Auftaktshow der erst 2015 gegründeten fünfköpfigen Band beizuwohnen.

Eine Viertelstunde später startete auch das Programm drinnen auf der kleinen Inferno Stage: Hier boten Gloomy Grim ihre halbstündige Horror-Metal-Show – eingeleitet durch ein düsteres Klavierintro. Mitten auf der Bühne ward ein Tisch aufgestellt, umhüllt von einem schwarzen Tuch. Darauf zu finden: zwei Kerzen, ein Kelch, Buch, Totenkopf sowie eine Glocke. Frontmann und Sänger Agathon hatte sich die Kapuze seiner schwarzen Kutte tief ins Gesicht gezogen und stiefelte „krächzend, grunzend und growlend“ unruhig über die Bühne. Erst beim zweiten Lied zog er seine Kapuze zurück und enthüllte sein schwarz-weiß-geschminktes Gesicht. Die schwarzmetallischen Klänge seiner Musiker bereicherte er neben seinem Gesang durch rituelle Showeinlagen: indem er etwa ein „Schlückchen Blut“ aus dem Totenschädel genoss, später eine ganz in weiß gekleidete, auf dem Tisch liegende junge Frau mit eben solcher roten Flüssigkeit besudelte oder über ihr mit einem Dolch herumfuchtelte. Schon ein wenig amüsant das Ganze…

Um 14:45 Uhr wurde schließlich auch die Hauptbühne, die Radio Rock Stage, musikalisch eingeweiht: So kündigten die altbekannten Moderatoren Heta Hyttinen und Jone Nikola sowie Musiker „Ulti-Make“ die Band Crowbar aus New Orleans an, die mit ihrem sehr bärtigen Frontmann und Growler Kirk Windstein eine Mischung aus Metal, Sludge Metal, Doom Metal und Doomcore präsentierte.

Indoor hatten mittlerweile das finnische Quartett Hard Action die benebelte Inferno-Bühne in Beschlag genommen – mit flotter, R’n’R-gefärbter Musik. Die teils mit Sonnenbrille und rotem Halstuch ausgestatteten Musiker kamen dabei wie „moderne Cowboys“ rüber, versorgten ihr überschaubares Publikum zwischendurch mit wilden Gitarrensoli und konnten so einige der Anwesenden zum Tanzen animieren.

Beim Auftritt von Tribulation, die parallel auf der Helsinki Stage rockten, war deutlich mehr los. Nun gut, die seit 2004 aktive schwedische Metal-Band dürfte auch um einiges bekannter sein. Mit ihren schwarz-weiß-geschminkten Gesichtern und düsteren Bühnen-Outfits hinterließen die vier Musiker allein schon optisch einen dezent „gruseligen“ Eindruck, musikalisch ging es bisweilen aber auch recht experimentell und fast schon psychodelisch zu – mit teils langen Instrumentalpassagen. Und es könnte auch ein Hauch von Räucherstäbchen-Duft in der Luft gelegen haben…

Einen bunten Mix aus verschiedenen Metal-Stilen präsentierten Keoma ab 16:15 Uhr auf der Inferno Stage. Hier schien von doomigen, stellenweise orientalisch-angehauchten Klängen, über düstere Death-Metal-Passagen bis hin zu fetten Blastbeats fast alles dabei zu sein, was das schwarze Metal-Herz begehrt. Kein Wunder, dass die sechs Finne ihre Musikrichtung selbst als Hybrid-Metal bezeichnen. Und zugleich wusste der glatzköpfige Sänger Jaz mit ebenso vielseitigem Gesang zu überzeugen – egal ob cleane Vocals, düstere Growls oder fieses Kreischen. Die Ansagen – und da kamen nicht wenige von Jaz – waren allesamt auf Finnisch. Ungünstig für die von „außerhalb“ angereisten Metal-Fans, die der finnischen Sprache nicht mächtig sind.

Selbiges „Problem“ hatten sie beim Auftritt der Industrial-Metaller Turmion Kätilöt auf der Hauptbühne, da diese nämlich ebenfalls aus Finnland kommen und gar überwiegend finnische Songtexte zum Besten gaben – vorgetragen von gleich zwei Sängern, von denen einer um die Hüfte herum nur sehr spärlich bekleidet war. Ansonsten durfte sich das Publikum über jede Menge Pyro-Technik und sogar ein bisschen Sonnenschein an jenem sonst recht bewölkt-windigen Tag freuen. Die melodischen Kracher des finnischen Sextetts wurden dabei immer wieder von erhobenen Fäusten seitens der Fans begleitet.

Wahrlich düster präsentierten sich Moonsorrow ab 17:25 Uhr unter dem Zeltdach, wo sie bereits sehnlichst erwartet wurden. Mit ein paar Blutspritzern im Gesicht huldigten sie dem Pagan Metal, während zur gleichen Zeit indoor das Bremer Duo Mantar seinem Publikum schnellen, wummernden Black-Metal/Doom/Punk entgegenblies. Sänger und Gitarrist Hanno und Schlagzeuger Erinc standen bzw. saßen sich dabei mit nacktem Oberkörper gegenüber – und somit jeweils seitlich zum Publikum. Die Growls wurden teils vom wummernden Sound der Instrumente übertönt. Doch mittendrin wendete sich Hanno dann plötzlich klar und deutlich an die Menge: „Do you like Whiskey?“ Das ihm daraufhin entgegengebrachte Gegröle wertete er wohl als „Ja“, denn plötzlich wurde tatsächlich eine Flasche mit möglicherweise alkoholischem Inhalt durch die ersten Reihen gereicht. Den Moshpit hätte es aber sicherlich auch ohne das Zutun von „Sprit“ gegeben.

Nach dem Mantar-Auftritt hatten die Indoor-Besucher noch die Gelegenheit, das Ende der Moonsorrow-Show live zu verfolgen. Dort draußen unter dem Zelt ward richtig viel gebacken – vielleicht auch, weil immer mal wieder ein paar Regentropfen vom Himmel fielen und ein frischer Wind über den Platz fegte. Aber hauptsächlich zeichneten natürlich die musikalischen Ergüsse der finnischen Pagan-Metaller gepaart mit atmosphärischer Lichtshow und Nebelfontänen für das Gedränge unter der Zeltkuppel verantwortlich.

Wer auf melodischen Hard Rock steht, fand sich spätestens um 18:30 Uhr vor der Inferno-Bühne ein. Die erste Reihe war zu jenem Zeitpunkt bereits von zahlreichen jungen Damen belegt, die sich ihre Plätze schon während des Soundchecks der nun folgenden Band gesichert hatten: Shiraz Lane. 2015 hatte das junge Quintett seinen ersten Tuska-Auftritt und 2016 machte es die Tuska-Heatseeker-Show unsicher.

Nun zeigten Frontmann Hannes und seine vier Mitstreiter, was sie in den letzten Jahren alles im Showbizz gelernt haben: ein selbstsicheres Auftreten, immer ein Lächeln auf den Lippen, schön nah an die Fans ran und immer wieder den Blickkontakt suchen. Dazu eingängige, melodische Hard-Rock-Nummern wie „Harder To Breathe“ und „Mental Slavery“ inklusive Gitarrensolo – und schon gingen die Zuschauer von ganz alleine ab. Am Ende des 45-minütigen Auftritts durfte natürlich auch das obligatorische Foto mit den Fans nicht fehlen – DSGVO hin oder her.

Zur gleichen Zeit mischte die US-Hardcore-Truppe Dead Cross das Publikum vor der Radio Rock Stage auf. Hier mit von der Partie: Ex-Slayer-Drummer Dave Lombardo sowie Mike Patton (Faith No More) am Mikrofon. Dave stand im weiteren Verlauf des Tages übrigens nochmals auf der Bühne – mit dem Headliner des ersten Festivaltages. Aber dazu später mehr…

Im Anschluss an Dead Cross spielten Leprous auf der Helsinki-Bühne. Wer verbirgt sich dahinter? Eine norwegische Progressive-Metal-Band, deren Sänger und Keyboarder – Einar Solberg – bisweilen wahrlich hohe Töne anschlägt. Das klang beim ersten Song zunächst ein wenig abschreckend – da außergewöhnlich. Nach und nach gewöhnte man sich aber an die Stimme, und Songs wie „Stuck“ und „From The Flame“ gingen echt unter die Haut. Selbst Emperor-Mastermind Ihsahn und seine Familie ließen es sich nicht nehmen, beim Auftritt ihrer Landsleute zuzuschauen. Untermalt wurde die Show durch Videosequenzen auf den beiden Leinwänden rechts und links von der Bühne.

Dass Frauen wunderbar growlen können, stellten ein wenig später The Charm The Fury mit Sängerin Caroline Westendorp unter Beweis. Mit Pink gefärbten Haaren wirbelte sie über die Inferno-Stage, stachelte zwischendurch einen Circle Pit an und gab mit ihren vier Bandkollegen u.a. die Headbang-Nummer „Weaponized“ zum Besten. Es war der insgesamt zweite Auftritt, den die holländische Metal-Band in Finnland absolvierte.

Wahre Frauenpower zeigte auch Alissa White-Gluz – die Sängerin von Arch Enemy – beim Auftritt der Metal-Band auf der Radio Rock Stage. Die Dame hatte aber nicht nur ihre Stimmbänder gut trainiert, sondern auch die Nackenmuskulatur, denn immer wieder ließ sie die blau-weiß-gefärbte Mähne kreisen. Die energiegeladenen Songs, darunter beispielsweise „You Will Know My Name“ sowie „The Race“ und „First Day In Hell“ vom aktuellen Album „Will To Power“, wurden teils von Pyrotechnik begleitet, so dass den Fans in den ersten Reihen mollig warm geworden sein dürfte. Parallel zum Arch-Enemy-Auftritt gaben Body Count am EMP-Stand eine Autogrammstunde, wo sich mitunter auch Niko Kalliojärvi (Humavoid, ex-Amoral) angestellt hatte, um mit Ice-T einen kleinen Plausch halten zu können.

Auf der Indoor-Bühne ging es ab 21:00 Uhr mit der Power-Metal-Band Arion weiter, die seit nun drei Jahren mit Lassi Vääränen einen neuen Sänger hat. Auch wenn es in der Halle nicht ganz so voll war, machte das Publikum gut mit und freute sich über Songs wie „Burn Your Ship“ und „Seven“, wobei das eine oder andere Gitarrensolo eingeflochten wurde. Passend zur energiegeladenen Show schossen am Bühnenrand immer wieder Nebelfontänen gen Hallendecke und umhüllten die fünf Musiker, für die der Auftritt in Helsinki ein Heimspiel war.

Eine etwas weitere Anreise zum Festival hatten Meshuggah aus Stockholm, die mit ihren teils experimentellen Metal-Klängen und dem glatzköpfigen Sänger Jens Kidman an der Front ordentlich Druck machten. Das ließ sich auch Insomnium-Sänger Niilo Sevänen nicht entgehen, obgleich er selbst mit seiner Band diesmal keinen Auftritt auf dem Tuska hatte.

Als Headliner des ersten Festivaltages enterten Body Count ft. Ice-T, die am Nachmittag bereits eine Autogrammstunde gegeben hatten, die Hauptbühne des Tuska Open Airs. Es gab keine Anmoderation – dafür als Intro Sirenengeheul und Gesprächsfetzen vom Band. Es war mittlerweile zwar schon 22:30 Uhr, doch noch immer taghell, was natürlich typisch für den hohen Norden im Sommer ist. Daher kam die Lichtshow der US-Band anfangs nicht ganz so gut zur Geltung, wie vielleicht erhofft. Musikalisch hinterließen die Herren aber durchaus metallische Spuren auf dem Parkett, auch wenn sie mit ihren Cappis und Bandanas eher wie Gangsterrapper aussahen – wenn man ehrlich ist.

Selbst die Jungs von Shiraz Lane, die am Nachmittag noch ihre Hard-Rock-Klänge an Mann und Frau gebracht hatten, wagten sich in die bebende Menge, die immer wieder durch Ice-T angestachelt wurde: „I want one big f***ing moshpit!“, forderte der Frontmann das Publikum lautstark auf und wurde sofort erhört. „What’s the f***ing up? We didn’t come to party for you – we came to party with you”, betonte er und stellte kurz darauf seine Bandkollegen vor, von denen dann jeder ein kleines Solo auf seinem jeweiligen Instrument spielte. Bisweilen wurde Ice-T in seinen Ansagen auch etwas politisch: So sprach er sich deutlich gegen Rassismus aus und bezeichnete Trump als „f***ing idiot“, wofür er zustimmendes Gegröle aus der Menge erhielt. An Songs performten Body Count mit „Raining Blood/Postmortem“ u.a. auch Cover von Slayer – und erhielten hier Unterstützung von Dave Lombardo an den Drums. Weiterhin standen Tracks wie „Manslaughter“, „Talk Shit, Get Shot“, „Cop Killer“ sowie „This Is Why We Ride“ auf dem Plan.

Text: Lea Sommerhäuser
Fotos:
© Tuska Festival / Jesse Kämäräinen

www.tuska-festival.fi

14 Juli 2018

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