Joachim Witt – Wandler zwischen den Welten

Joachim Witt – Wandler zwischen den Welten

Joachim Witt ist ein Mensch mit vielen Gesichtern, zumindest in musikalischer Hinsicht. Nach dem sakralen Album „Dom“ (2012) legt er nun mit „Neumond“ ein eher elektronisches Werk vor, das in Kooperation mit Martin Engler (Mono Inc.) entstand. Wir trafen ihn in Berlin zum Gespräch.

Joachim, zwischen dem letzten Album „Dom“ und dem Abschluss der „Bayreuth“-Trilogie sind sechs Jahre vergangen. „Neumond“ erscheint nun nicht einmal zwei Jahre später. Woher kommt dieser plötzliche Kreativitätsschub?

Joachim: „Es ist eine Endzeitpanik. Der Blick nach vorne hat schon eine entsprechende Auswirkung, wenn die Zeit immer kürzer wird. Man macht sich mehr Gedanken, wie man die Zeit gut füllt, was auch auf die Kreativität einen Einfluss hat. Ich habe Angst, dass ich viele meiner Ideen aufgrund widriger Umstände irgendwann nicht mehr umsetzen kann. Deshalb bin ich im Moment sehr anschlussfreudig und versuche kürzere Abstände einzuhalten.“

Kannst du Kreativität denn erzwingen?

Joachim: „Ja, wenn ich genug Ideen habe. Schwierig ist es, wenn einem diese ausgehen. Solch eine Phase hatte ich vor ‚Dom’, als ich nicht wusste, wie ich weitermachen sollte. Die alte Ausrichtung hatte sich erschöpft und ich brauche eben immer wieder eine neue Soundidee, die mich fesselt. Deswegen gibt es bei mir oft Zwangsruhephasen.“

„Neumond“ ist ein überwiegend elektronisches Album. War dies ein bewusster Ansatz?

Joachim: „Das hat sich während des Songwritings ergeben. Die einzige Vorbedingung war, nicht die typischen Gitarren zu verwenden, die ich vor ‚Dom’ oft hatte. Es sollten Klangcollagen sein mit einem hohen Maß an Sentimentalität und Melancholie. Dann kam Martin dazu, was ein glücklicher Umstand war, da er im Vergleich zu mir schneller arbeitet. Wir hatten schon für das Mono-Inc.-Duett ‚Kein Weg zu weit’ kooperiert und als es um meine Albumproduktion ging, meinte er, ich müsse nur Bescheid sagen, wenn er mir irgendwie helfen kann. Er würde gerne mal etwas probieren.“

Bereits zwei Tage später hat er dir die erste Nummer geschickt.

Joachim: „Ja. Das war ‚Mein Herz’. Der Song hat mich richtig gepackt, denn Melodie, Produktion und Sounds waren allesamt top. Dann ging es gleich weiter und ein paar Tage danach schickte er mir den zweiten Titel. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie von ihm die Ideen kamen. Also dachte ich mir, okay, dann ruhe ich mich erstmal aus (lacht).“

Wie habt ihr euch die Arbeit aufgeteilt?

Joachim: „Martin hat die komplette Musik geschrieben und ich habe mich um die Texte gekümmert. Allerdings hat er auch ein paar Textideen mitgeliefert. Das war manchmal nur ein Schlagwort, das eine Geschichte nach sich ziehen konnte. Streckenweise haben wir auch zusammen getextet. Ein schöner Umstand ist, dass Martin nur acht Kilometer von mir entfernt lebt, ebenfalls auf dem Land. Das war ein großer Vorteil, da ich in kürzester Zeit bei ihm war und trotzdem jeder seine Privatsphäre hatte.“

Einige Songs hätten mit Martins Stimme auch gut auf ein Mono-Inc.-Album gepasst.

Joachim: „Das kann sein. Er hat natürlich seine Handschrift. Was ich schön fand, ist, dass er mich dazu gebracht hat, mehr zu singen und aus mir herauszukommen. An bestimmte Phrasierungen, die ich so nie komponieren würde, musste ich mich allerdings erst gewöhnen. Aber es war eine Herausforderung, es zu probieren und das Ergebnis abzuwarten. Mir ist auch egal, wer was gemacht hat. Entscheidend ist, dass ich mich mit dem Album am Ende identifizieren kann.“

Es war geplant, im Anschluss an die Veröffentlichung auf Tour mit Martin und Chris Harms (Lord Of The Lost) zu gehen. Weshalb hat sich diese Idee zerschlagen?

Joachim: „Martin veröffentlicht ja fast jedes Jahr etwas und ist bereits mit dem nächsten Album von Mono Inc. beschäftigt. Er hatte den Aufwand in einer gewissen Großzügigkeit unterschätzt. Für mich ist das aber okay, denn ich habe eine eigene Band und bin deswegen nicht in Verlegenheit. Chris war ein Tipp von Martin. Ich empfand das als eine sympathische Kombination. Aber dadurch, dass Martin nicht mehr dabei ist, verlagerten wir die Proben nach Berlin, was für Chris logistisch schwierig war. Dafür gibt es nun Witt pur und ich werde ganz konsequent mein Ding durchziehen.“
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Du hast im Laufe deiner Karriere schon viele Stile durchwandert. Langweilt dich ein Genre schnell?

Joachim: „Ja, ich wiederhole mich nicht gerne. Wenn ich allerdings ein gutes Konzept habe, wie z.B. bei ‚Bayreuth’, ziehe ich es durch und bleibe erstmal eine Weile dabei. Ich bin musikalisch nicht festgelegt und höre von Sinatra bis Dead Can Dance ein breites Spektrum. Ich habe keine Schere im Kopf und zensiere mich selbst nicht.“

Wenn man immer wieder Neues versucht, muss man sich dann auch konstant neue Zielgruppen erschließen?

Joachim: „Die Basis folgt mir überall hin und erwartet gewissermaßen, dass ich immer etwas Neues anbiete. Das geht über die Musik hinaus, da sie mich als Künstler schätzen. Deswegen nehmen sie auch Werke in Kauf, die sie vielleicht nicht ganz so toll finden. Dann gibt es je nach Album auch immer andere Personengruppen, die die Musik schätzen. Aber ich arbeite eben nicht so, dass ich niemanden verprellen will, denn so würde ich mich selbst enttäuschen. Jedoch bin ich von der Veranlagung her ja nie zu extrem, sondern bewege mich immer im weitesten Rahmen in der Popmusik. Ich bin so eine Art musikalischer Volkswagen.“

„Neumond“ ist trotz Hoffnung spendender Texte ein düsteres Album mit einem gewissen Gothic-Appeal. Wie stehst du zur Schwarzen Szene?

Joachim: „Ich mache grundsätzlich keine Musik für irgendeine Szene. Aber ich habe innerhalb der letzten 20 Jahre erlebt, dass sich viele Menschen aus der Gothic-Szene angesprochen fühlen. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, welche Themen ich behandle und wie ich Texte gestalte, in Kombination mit Melancholie, Sentimentalität und einem gewissen Endzeitcharakter. Insofern gibt es sicher eine Seelenverwandtschaft, wie man Dinge geistig und spirituell lebt. Dennoch vermeide ich gerne jegliche Etikettierung, weil ich es nicht mag, einen Stempel zu haben.“

Sascha Blach
www.joachimwitt.de

26 Juni 2014

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